Ein Gastbeitrag von Heinz-Jürgen Voß, BMH-Fachbeiratsmitglied und Professor an der Hochschule Merseburg, in der Reihe „Perspektiven. Für die BMH der Zukunft”.
Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld ist viel mehr als ein Erinnerungsort: Heinz‑Jürgen Voß entwirft seine Zukunftsperspektive für die BMH und diskutiert, wie geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung gestärkt, Ausgrenzungsmechanismen hinterfragt und demokratische Bündnisse gefestigt werden können. Dabei spannt er den Bogen von der Geschichte der Sexualwissenschaft bis zu den Herausforderungen der Gegenwart.
Allein, dass es die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (BMH) gibt, bedeutet eine Zäsur im Hinblick auf die gesellschaftliche Sicht auf geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung. Wurde der Namensgeber Magnus Hirschfeld in den 1930er Jahren in Deutschland verfolgt und taten die Nazis alles dafür, dass die Erinnerung an Magnus Hirschfeld ausgelöscht wurde, so wurde auch nach 1945 kaum an ihn erinnert. Seine Theorien, die als eine „frühe Sexualpädagogik der Vielfalt“ bezeichnet werden können, wurden in Deutschland, West und Ost – und auch mit internationaler Wirkung –, vergessen gemacht. Stattdessen setzten sich Sichtweisen durch, die geschlechtliche und sexuelle Variabilität als „Störung“ und „Abweichung“ schmähten. Erst langsam schließen wir wieder an Vorstellungen der Offenheit und Selbstbestimmung an. In den letzten Jahrzehnten wurde hier viel erreicht. Und gleichfalls zeigt sich, dass diese Perspektiven auch heute bedroht sind: Aktuell setzen sich rechtsextreme Scharfmacher durch die Abgrenzung gegen „queere Vielfalt“ und interkulturelle Entwicklungen in Szene und drohen unverhohlen mit Gewalt oder setzen sie schon um (Stichwort: „Remigration“). Hirschfeld wurde seinerzeit zur Emigration gezwungen, die Theorien zur „Geschlechterwandlung und -mischung“ von den Nazis als „jüdisch“ bezeichnet und verfolgt. Selbst diese Intersektion ist bis heute kaum untersucht: die jüdische Tradition der Sexualwissenschaft.
Hier wird einiges zu leisten sein.
Forschungen sind ebenso nötig, wie der stete Einsatz für eine gesellschaftliche Grundhaltung, die Vielfalt und Individualität als Werte schätzt und Selbstbestimmung befördert. Der Arabist Thomas Bauer stellt in seinem schönen Band „Die Vereindeutigung der Welt: Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“ eine Perspektive in Aussicht, auf die sich zuzusteuern lohnen könnte. Nachdem er bei der natürlichen Vielfalt, konkret derjenigen der Tomaten war, schließt er an: „Beim Menschen sind die Verhältnisse naturgemäß etwas komplizierter. Aber auch hier sehen wir, dass die Untergliederung in Kästchen Vielfalt nicht fördert. Kästchenbildung wirkt nicht integrativ, sondern abschottend, trennend, segregierend. Sie führt mithin auch kaum zu Akzeptanz, sondern allenfalls zu Toleranz. […] Wollen wir darüber hinauskommen, müssen wir lernen, das Widersprüchliche, das Vage, das Vieldeutige, das Nichtzuzuordnende, das Nichtklärbare als den Normalfall der menschlichen Existenz hinzunehmen, es mindestens zu achten, vielleicht sogar zu lieben.“
Bei diesem Gedanken einen Moment zu bleiben, ist anregend. Es könnte uns alle bereichern, wenn wir unabhängig von Kästchen oder Schubladen aufeinander zugehen würden. Es gelte dabei das Widersprüchliche nicht nur zu tolerieren, sondern „zu lieben“. Das bedeutet für uns alle ein Umdenken, da wir gelernt haben, stetig auf „Klarheit“ und „Eindeutigkeit“ bedacht zu sein. Selbst Magnus Hirschfelds Betrachtungen zielten auf klare Übersichten, auf Typisierungen und Reihungen „geschlechtlicher Zwischenstufen“, bei denen individuelle Menschen „wie Insekten“ aufgereiht und „auf seltsame Namen“ getauft wurden (Foucault 1983 [1976], S. 59). Gleichfalls hatte Hirschfeld die Utopie vor Augen, dass es nicht so sein muss und dass man Kinder nicht mit den gesellschaftlichen geschlechtlichen Stereotypen malträtieren sollte (vgl. Hirschfeld & Bohm 1930). Heute wissen wir: Kategorisierung und Klassifizierung sind nicht „unschuldig“, sondern haben wesentlichen Anteil an modernen staatlichen Politiken, der Herstellung und Aufrechterhaltung von Herrschaftsverhältnissen (vgl. Brighenti 2010).
Was bedeutet das für die „Bundesstiftung Magnus Hirschfeld“? Der Bezug auf Magnus Hirschfeld und damit verbunden die Vorstellung von geschlechtlicher und sexueller Selbstbestimmung ist ein wichtiger Anker. Der Namensgeber sollte hier Ansporn sein, zu einer Möglichkeit zu finden, wie Kästchen und Schubladen hinterfragt und überflüssig werden könnten. Dabei lohnt auch der intersektionale Blick – etwa Überschneidungen zu Rassismus/ Antisemitismus sollten in den Fokus der Forschung rücken, geschlechtliche und sexuelle Fragestellungen intersektional und inklusiv untersucht werden.
Der größte Gegner ist der Faschismus, der sich derzeit weltweit organisiert und auch in Deutschland Aufschwung erhält. Hier wird auch die BMH daran arbeiten müssen, dass traditionelle und konservative Akteur_innen – denen durchaus am Grundgesetz und dem Schutz der individuellen Rechte eines jeden Menschen gelegen ist – keine Kooperationen mit den Rechtsextremen eingehen. Erinnern wir uns zurück: Bei der letzten demokratischen Wahl im November 1932 erhielt Adolf Hitlers NSDAP „nur“ 32 % der Stimmen – die Nazis waren weit von einer Mehrheit entfernt. Sie wurden von den Konservativen an die Macht gehievt. Das darf nicht wieder geschehen: Entsprechend ist es eine zentrale Aufgabe der BMH daran zu arbeiten, dass konservative und traditionelle Kräfte standhaft bleiben: Niemals Zusammenarbeit mit Rechtsextremen und Faschisten, niemals Zusammenarbeit mit Parteien außerhalb des demokratischen Spektrums! Und das BMH ist durch die überparteiliche strukturelle Verankerung auf Bundesebene geradezu dazu prädestiniert, diese Vermittlungs- und Vernetzungsarbeit zu leisten.
An einem solchen Grundverständnis hat die BMH bisher schon intensiv gearbeitet – mit allen demokratischen Fraktionen im Bundestag. Wichtige Schritte sind durch Kommunikation getan, wie etwa dadurch deutlich wurde, dass vom Bundestag keine expliziten Homofeind_innen für das Kuratorium der Stiftung zugelassen wurden. Es gilt bei den Aktivitäten nicht nachzulassen. Daran anknüpfend entsteht Zukunft mit vielfältigen, auch kontroversen Forschungsansätzen, mit Projektgeldern, die für Forschung, aber auch Bildung und breiter gesellschaftlicher Information bereitgestellt werden können, für den Einsatz für eine auf Selbstbestimmung und individuelle persönliche Rechte ausgerichteten Gesellschaft – für eine Liebe für „das Vage, das Vieldeutige, das Nichtzuzuordnende, das Nichtklärbare“.
Literaturverzeichnis:
Bauer, T. (2018). Die Vereindeutigung der Welt: Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Reclam Verlag.
Brighenti, A.M. (2010). Visibility in Social Theory and Social Research. Basingstoke u.a.: Palgrave Macmillan.
Foucault, M. (1983, frz. 1976). Der Wille zum Wissen – Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt/Main: Suhrkamp-Verlag.
Hirschfeld, M. & Bohm, E. (1930). Sexualerziehung. Der Weg durch Natürlichkeit zur neuen Moral. Berlin: Universitas.
Redaktioneller Hinweis: Jeder Beitrag der Reihe „Perspektiven. Für die BMH der Zukunft“ repräsentiert die Meinung und Ansichten der_des jeweiligen Autorin_Autors bzw. ihrer Organisation.
Vorschau
Nächste Woche lesen Sie hier, die Vision von Nyke Slawik (MdB und Mitglied im Kuratorium der BMH), wie die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld ganz im Sinne ihres Namensgebers mit Recht, Wissenschaft und gelebter Praxis zur Überwindung von Binarität beitragen kann. Diesen Text publizieren wir hier ab Do. 13. August 2026 – 9:00 Uhr.