Ein gemeinsamer Gastbeitrag der BMH-Kuratoriumsmitglieder Alva Träbert und Axel Hochrein vom LSVD+ – Verband queere Vielfalt für die Reihe „Perspektiven. Für die BMH der Zukunft„.
Was braucht die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, um ihren Auftrag in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Spannungen wirksam erfüllen zu können? Alva Träbert und Axel Hochrein ziehen Bilanz und entwickeln konkrete Vorschläge dafür, wie die Stiftung den Herausforderungen der kommenden Jahre begegnen kann.
Jubiläen bieten nicht nur einen Anlass zum Feiern, sondern auch die Gelegenheit einer Bestandsaufnahme und zu einem Blick in die Zukunft: Was brauchen wir jetzt, was sollen die Schwerpunkte unserer gemeinsamen Arbeit werden? Wenn die im Jahre 2011 gegründete Bundesstiftung Magnus Hirschfeld dieses Jahr ihr 15-jähriges Jubiläum feiert, tut sie das in einem politisch und gesellschaftlich weitaus schwierigeren Umfeld als zum Zeitpunkt ihrer Gründung. Somit stehen der Stiftung herausfordernde Jahre bevor. Zum 15-jährigen Jubiläum lässt sich deshalb deutlich erkennen, wie stark sich sowohl die Stiftung selbst als auch das gesellschaftliche und politische Umfeld verändert haben, aber auch wie wichtig es ist, dass es sie gibt.
Das politische und gesellschaftliche Umfeld für queere Menschen in Deutschland im Jahr 2011 war eine Übergangsphase: rechtlich gab es bereits wichtige Fortschritte, gesellschaftlich nahm die Akzeptanz und Sichtbarkeit zu – gleichzeitig hielten sich Ungleichheiten und Diskriminierung oft hartnäckig.
Die Gründung der Stiftung war, nach einem vorangegangenen ersten erfolglosen Versuch, dem politischen Willen der damaligen Bundesministerin der Justiz, Sabine Leutheuser-Schnarrenberger zu verdanken. Damals stieß die junge Stiftung in der eigenen konservativ-liberalen Koalition nicht nur auf Unterstützung und Begeisterung.
Strukturelle Anomalie beheben: Stiftungskapital erhöhen!
Darin dürfte auch der Grund für die strukturelle Anomalie der Stiftung liegen, die im Vergleich zu anderen Bundesstiftungen mit einem viel zu niedrigen Stiftungskapital ausgestattet ist. Dies beeinträchtigt die notwendige personelle Ausstattung, verhindert eine tatsächlich wahrnehmbare Fördermittel-Ausschüttung durch die Stiftung und macht es ihr oftmals sehr schwer, ihre Satzungszwecke durch die festgelegten vier Hauptaufgabengebiete zu erfüllen.
Diese Anomalie aus der Gründungszeit ist heute, in einer Zeit der wieder zunehmenden queer- und trans*feindlichen Stimmungen in der Gesellschaft, besonders misslich.
Mit dem bevorstehenden Jubiläum kann jetzt ein bedeutender Schritt durch Regierung und Parlament gegangen werden: Das Stiftungskapital endlich auf das Niveau vergleichbarer Einrichtungen auf Bundesebene anzuheben.
Sowohl die Zahlen der dritten großen LSBTIQ*-Befragung der EU-Grundrechteagentur, die im Januar 2025 veröffentlicht wurde, als auch die durch das Bundeskriminalamt erhobenen Zahlen queerfeindlicher Hasskriminalität sprechen eine deutliche und beklemmende Sprache und fordern entschiedene Reaktionen. Eine Stärkung der Stiftung wäre eine solche Maßnahme.
Trotz Widrigkeiten: Immer auf der Höhe der Zeit bleiben
Trotz der strukturell zum Teil widrigen Bedingungen war und ist die Stiftung immer auf der Höhe der Zeit und versucht mit ihrer Projektförderung diesen Entwicklungen gezielt entgegenzuwirken. Auf Grund des überproportionalen Anstiegs von trans*feindlicher Gewalt wurde eine Fokussierung auf die Förderung von Projekten zum Thema Trans in den Jahren 2024 und 2025 beschlossen und durchgeführt. Bei der Knappheit der vorhandenen Mittel konnte dies trotz aller Bemühungen aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein.
Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld hat in den vergangenen 15 Jahren durch ihre Arbeit einen beachtlichen Weg zur inzwischen etablierten Institution zurückgelegt. Sie ist fest in der deutschen Erinnerungslandschaft verankert und trägt gleichzeitig dazu bei, diese lebendig zu halten. Leuchtturmprojekte wie das „Archiv der anderen Erinnerung“ oder die deutschlandweite Wanderausstellung „gefährdet leben – Queere Menschen 1933-1945“ setzen Maßstäbe.
Sie wurde zu einer wichtigen Akteurin in der Politikberatung und Bildungsarbeit – ebenso wie bei der Aufarbeitung der queeren Verfolgungs- und Diskriminierungsgeschichte. Die Mitwirkung an der Rehabilitierung der nach §175 Verurteilten, der Einfluss auf Debatten, z. B. beim Verbot von sogenannten Konversionsmaßnahmen, aber auch ihr Einsatz für geschlechtliche Selbstbestimmung und die Umsetzung des Selbstbestimmungsgesetzes sind dafür klare Belege. Im Laufe der Jahre ist es ihr außerdem gelungen, eindrucksvolle Netzwerke aufzubauen. Eine beachtliche Bilanz, auf welche die Stiftung zu diesem Jubiläum zurückblicken kann und als Basis für vor ihr liegenden Aufgaben nutzen kann.
Denn trotz dieser rechtlichen Fortschritte ist seit Jahren wieder eine stärker werdende Diskriminierung queerer Menschen in Deutschland und vielen anderen Ländern festzustellen. Dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten und sie umzukehren kann weder die alleinige Aufgabe der Stiftung sein, noch ist sie ein Problem, das nur die queere Community betrifft. Der Umgang mit Minderheiten ist vielmehr immer ein Lackmustest für eine Demokratie. Dasselbe gilt für Institutionen, deren Auftrag es ist, die Geschichte von Marginalisierung aufzuarbeiten: sie dürfen kein Feigenblatt sein.
Gleichzeitig sitzt seit 2017 im Deutschen Bundestag eine mittlerweile vom Bundesamt für Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestufte Partei, zu deren erklärten Zielen die Streichung staatlicher Mittel für die Stiftung gehört. Käme diese Partei in Regierungsverantwortung, könnte dies das Aus für die Stiftung bedeuten.
Demokratie stärken heißt Bildungsarbeit fördern…
Wir müssen davon ausgehen, dass die zunehmend queer- und transfeindliche Stimmung in der Gesellschaft sich nicht von selbst umkehren wird.
Um langfristig solche Tendenzen in der Zukunft zu verhindern, bedarf es deshalb gerade jetzt der intensiveren Förderung von Bildungsarbeit als Demokratie stärkende Maßnahme. Eine konstante, effektive und zielgerichtete Bildungs- und Aufklärungsarbeit ist essenziell, wenn diskriminierende und feindliche Haltungen gegenüber queeren Menschen wieder abnehmen sollen.
Was heißt das über die notwendige, bessere finanzielle Ausstattung hinaus für die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld? Sowohl bei der Entwicklung von inklusiven Lehrplänen an den Schulen über Erwachsenenbildung und Fortbildung sollte die Bundesstiftung ihre Expertise einbringen.
…und mediale Sichtbarkeit stärken
Ein wichtiger Baustein dessen ist die mediale Sichtbarkeit queerer Menschen als Teil einer vielfältigen, vielstimmigen Gesellschaft. Sie bedarf einer Stärkung und Vertiefung. Mit dem gesammelten Wissen über die Verfolgungsgeschichte bis zur Darstellung aktueller queerer Lebensweisen könnte die Bundesstiftung in Zukunft einen wichtigen Beitrag leisten. Die in den letzten Jahren begonnene wissenschaftliche Erforschung zum queeren Leben in Deutschland zeigt vor allem die großen Lücken und weißen Felder, die es auf diesem Gebiet weiter bestehen. Das bisher gesammelte Wissen ermöglicht es der Stiftung die Verbindung von Geschichte, Gegenwart und Zukunft queerer Lebensweisen darzustellen, besser bekannt zu machen und zu den notwendigen Maßnahmen Empfehlungen abzugeben. Eine bessere Sichtbarkeit vielfältiger queerer Schicksale und Identitäten in der Vergangenheit erinnert uns auch: die Vielfalt, für deren Anerkennung wir heute kämpfen ist nicht neu, sie ist kein Trend, sie ist Teil menschlicher Lebensrealität. Es wird uns immer geben.
Die Bundesstiftung soll in Zukunft mit ihrer Arbeit gemäß dem Motto ihres Namensgebers Magnus Hirschfeld „durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ beitragen. Das ist ihr allerdings nur möglich, wenn ihr im Gegensatz zu ihrem Namensgeber die Unterstützung der demokratischen Kräfte und Politik nicht versagt bleibt.
Als LSVD+ – Verband queere Vielfalt sind wir seit der Errichtung der BMH Teil des Stiftungskuratoriums. Wir werden an unserer Unterstützung und Zusammenarbeit festhalten und sie dort, wo notwendig, verstärken.
Redaktionelle Hinweise:
Jeder Beitrag der Reihe „Perspektiven. Für die BMH der Zukunft“ repräsentiert die Meinung und Ansichten der_des jeweiligen Autorin_Autors bzw. ihrer Organisation.
Der Redaktionsschluss des Beitrags lag vor den Ereignissen beim Berliner CSD am 25. Juli 2026.
Vorschau
Nächste Woche lesen Sie hier auf mh-stiftung.de was Heinz-Jürgen Voss (Mitglied des Fachbeirats der BMH und Prof. an der FH Merseburg) der Stiftung für die Zukunft in Aufgabenheft schreibt. Sein Text ist ein Plädoyer gegen starre Kategorien und für Vielfalt, Ambiguität und Selbstbestimmung als Leitprinzipien – auch zukünftiger Stiftungsarbeit. Ebenso macht Voss in seinem Text deutlich, was die Förderung intersektionaler Forschung mit der Verteidigung demokratischer Werte zu tun hat. Ein Beitrag der gleich mehrere wichtige Impulse in die Debatte über die Bundesstiftung der Zukunft einbringt. Sie lesen diesen Text hier ab Do. 6. August 2026 – 9:00 Uhr.