Ein Gastbeitrag von BMH-Kuratoriumsmitglied Steffi Grimm für die Wirtschaftsweiber e.V. in der Reihe „Perspektiven. Für die BMH der Zukunft„.

Wie kann die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld ihre Rolle in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft weiterentwickeln? Steffi Grimm blickt für den Verband Wirtschaftsweiber e.V. auf Forschungslücken und Leerstellen in der Erinnerungskultur, auf neue Herausforderungen für die Bildungsarbeit und auf die Frage, welche Weichen heute gestellt werden müssen, damit die BMH ihre Wirkung auch künftig entfalten kann.

Textgrafik mit farbigem Hintergrund. Text:

15 Jahre Bundesstiftung Magnus Hirschfeld: Fortschritte sichern

Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld erreicht im Jahr 2026 ihr 15-jähriges Bestehen. Dieses Jubiläum ist ein bedeutender Meilenstein für die Förderung von Forschung, Bildung und Erinnerung im Bereich der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt.

Seit ihrer Gründung wirkt die Stiftung als zentrale treibende Kraft für die Sichtbarkeit von LSBTIQ*-Lebensrealitäten in Deutschland. Sie setzt wichtige Impulse in Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft und trägt dazu bei, bislang marginalisierte Perspektiven stärker in öffentliche Diskurse einzubringen. Aus Sicht der Wirtschaftsweiber e. V., eines bundesweiten Netzwerks für lesbische*[1] und queere Frauen in der Arbeitswelt, ist dieses Jubiläum Anlass nicht nur zurückzublicken, sondern konkrete Erwartungen an die Zukunft der Bundesstiftung zu formulieren.
Die Stiftung hat in den vergangenen Jahren einen substanziellen Beitrag zur Aufarbeitung von Diskriminierungsgeschichte geleistet. Sie hat Forschungsvorhaben initiiert und gefördert, die neue Erkenntnisse über historische und gegenwärtige Formen der Ausgrenzung ermöglicht haben. Sie hat Räume für interdisziplinäre Dialoge geschaffen, in denen Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik miteinander in Austausch treten können. Diese Arbeit ist von grundlegender Bedeutung, da sie zum einen Wissen schafft, zum anderen gesellschaftliche Reflexionsprozesse anstößt und damit schließlich zur Stärkung demokratischer Strukturen beiträgt.

Forschungslücken gezielt schließen

Für die kommenden Jahre wünschen wir uns eine konsequente Weiterentwicklung dieser Rolle. Die Bundesstiftung soll ihre Funktion als Impulsgeberin für eine diskriminierungskritische Gesellschaft weiter ausbauen und schärfen. Sie soll gemeinsam in den Gremien Debatten aktiv initiieren und wissenschaftliche Erkenntnisse systematisch in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft tragen.

Ein zentrales Anliegen ist die stärkere Berücksichtigung lesbischer Lebensrealitäten in Forschung und Öffentlichkeitsarbeit. Lesbische Perspektiven sind bislang in vielen Studien unterrepräsentiert und werden häufig nicht ausreichend differenziert erfasst. Insbesondere Lebens- und Erwerbsbiografien bleiben in ihrer Vielfalt und Komplexität oft unsichtbar. Beispielhaft für eine gelungene Annäherung ist das Projekt „Sorgerechtsentzug bei Müttern in lesbischen Beziehungen in Berlin“ der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Dieses Projekt untersucht differenziert, wie es zwischen 1945 und 1999 zu Sorgerechtsentzügen kam und welche Rolle gesetzliche Rahmenbedingungen, behördliches Handeln und gesellschaftliche Vorurteile in Ost- und West-Berlin spielten. Damit leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung eines lange vernachlässigten Themenfeldes und zeigt zugleich den bestehenden Forschungsbedarf auf.

Hierfür sind Projektförderungen, die diese Lücken systematisch und nachhaltig schließen, absolut notwendig. Ebenso wichtig ist der Aufbau langfristiger, belastbarer Datengrundlagen, die lesbische Lebensrealitäten differenziert erfassen und sichtbar machen. Dies kann beispielsweise durch regelmäßige bundesweite Befragungen, die stärkere Einbindung sexueller und geschlechtlicher Identität in amtliche Statistiken sowie durch langfristig angelegte wissenschaftliche Monitoringprogramme gelingen
Internationale Beispiele zeigen, dass solche Strukturen entscheidend zur Sichtbarmachung von Diskriminierung beitragen. In Großbritannien werden LSBTIQ*-Daten inzwischen systematisch durch das Office for National Statistics erhoben. In Kanada berücksichtigt Statistics Canada sexuelle Identität und Geschlechtsidentität in verschiedenen Bevölkerungs- und Gesundheitsstudien. Auch die Europäische Grundrechteagentur erhebt mit ihrer EU-LGBTIQ-Survey regelmäßig vergleichbare Daten zu Diskriminierungserfahrungen in Europa. Solche Modelle können wichtige Orientierungspunkte für Deutschland sein. Ebenso erforderlich ist eine konsequente Berücksichtigung intersektionaler Perspektiven, um Mehrfachdiskriminierungen angemessen analysieren und aufzeigen zu können.

Bildung stärken – queerfeindlichen und antifeministischen Narrativen entgegentreten

Ebenso zentral ist die historisch-politische Bildungsarbeit. Eine funktionierende Demokratie lebt von der Anerkennung gesellschaftlicher Vielfalt. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass antifeministische und queerfeindliche Narrative in Teilen der Gesellschaft immer stärker an Einfluss gewinnen. Diese Entwicklungen stellen eine Herausforderung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt dar und erfordern eine klare Haltung. Die Bundesstiftung sollte daher ihre Bildungsarbeit weiter ausbauen und Programme fördern, die Wissen über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt vermitteln sowie zur kritischen Auseinandersetzung mit bestehenden Diskriminierungsformen anregen.
Darüber hinaus sind Dialogformate von großer Bedeutung, um Vorurteile abzubauen und gesellschaftliche Verständigungsprozesse zu stärken. Denkbar sind beispielsweise moderierte Bürger*innendialoge, kommunale Fachforen, Austauschformate zwischen Wissenschaft, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft sowie mobile Bildungsangebote im ländlichen Raum.

Für die Zukunft wäre insbesondere die Entwicklung strukturierter Weiterbildungsprogramme eine Chance. Die Bundesstiftung könnte Förderschwerpunkte ausschreiben, die sich hierbei an bestehenden Ansätzen der politischen Bildungsarbeit und Antidiskriminierungsarbeit orientieren. Im Fokus stünden die Entwicklung von Konzepten für Fortbildungsprogramme zum Beispiel für Lehrkräfte, Verwaltungsmitarbeitende, Justiz, Polizei, Unternehmen und Medienschaffende. Ziel sollte es sein, Multiplikator*innen auszubilden, die Wissen über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt nachhaltig in unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche tragen und diskriminierungssensibles Handeln stärken.
 
Ebenso ist es erforderlich die Sichtbarkeit historischer Verfolgung weiter zu stärken. Gerade die Geschichte lesbischer Frauen ist in vielen Bereichen bislang unzureichend dokumentiert und aufgearbeitet. Projekte in den Bereichen Dokumentation, Archivarbeit und Zeitzeug*innenarbeit sind daher essenziell, um diese Lücken zu schließen und langfristig zugänglich zu machen. Erinnerungspolitik schafft Bewusstsein. Bewusstsein schafft Verantwortung. Verantwortung stärkt den aktuell so dringend notwendigen gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Strukturen sichern – unabhängig, international vernetzt und digital

Eine nachhaltige finanzielle und strukturelle Absicherung der Bundesstiftung ist unabdingbar. Derzeit sind viele Projekte im Bereich der queeren Bildungs-, Forschungs- und Erinnerungsarbeit auf kurzfristige Förderzyklen angewiesen. Dies erschwert langfristige wissenschaftliche Vorhaben, den nachhaltigen Aufbau von Expertise sowie die kontinuierliche Sicherung von Wissen.

Mehrjährige Förderperspektiven würden dagegen strategische Planungssicherheit schaffen und ermöglichen, Projekte dauerhaft weiterzuentwickeln, zivilgesellschaftliche Netzwerke zu stabilisieren. Gerade im Bereich der Erinnerungs- und Bildungsarbeit sind Kontinuität und institutionelles Wissen entscheidende Voraussetzungen für nachhaltige Wirkung. Da der Bundesstiftung sowohl politische Unabhängigkeit als auch fachliche Autonomie inhärent sind, sind das hervorragende Voraussetzungen, um die inhaltliche Qualität und Glaubwürdigkeit der Arbeit dauerhaft zu gewährleisten.

Darüber hinaus sehen wir erhebliches Potenzial in einer stärkeren internationalen Vernetzung. LSBTIQ*-Rechte stehen weltweit unter Druck. Ein strukturierter Austausch auf europäischer und internationaler Ebene kann dazu beitragen, voneinander zu lernen, erfolgreiche Strategien zu adaptieren und gemeinsame Initiativen zu entwickeln. Wichtige Partner wären beispielsweise die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA), ILGA-Europe, internationale Forschungsnetzwerke im Bereich Gender und Queer Studies, nationale LSBTIQ*-Archive und Dokumentationszentren sowie Gedenk- und Erinnerungsinstitutionen zur Aufarbeitung historischer Verfolgung.  

Für die Zukunft ist es zudem zentral, digitale Angebote weiter auszubauen. Digitale Räume prägen zunehmend gesellschaftliche Diskurse und beeinflussen, wie Wissen verbreitet und wahrgenommen wird. Sie sind Orte der Information und eben auch der Desinformation in denen Hass und Hetze gestreut werden. Die Stiftung sollte daher digitale Angebote systematisch weiterentwickeln und könnte gleichzeitig Kooperationen zum Beispiel mit bereits bestehenden digitalen Archiven verstärken.

Zukunft gestalten – mutig und engagiert für freiheitlich-demokratische Werte

Die Bundesstiftung hat in den vergangenen 15 Jahren eine tragfähige Grundlage für die Aufarbeitung von Geschichte, die Förderung von Forschung und die Stärkung gesellschaftlicher Vielfalt geschaffen. Dieses Jubiläum ist daher nicht nur ein Anlass zur Anerkennung der bisherigen Leistungen, sondern auch ein klarer Auftrag für die Zukunft. Angesichts der enormen gesellschaftlichen Herausforderungen wünschen wir uns, dass die Stiftung ihre Rolle weiterhin aktiv und sichtbar wahrnehmen kann.

Für die kommenden Jahre kommt es darauf an, strategische Prioritäten klar zu definieren. Dazu gehört insbesondere bestehende Repräsentationslücken zu schließen. Ebenso wichtig ist es, Forschung, Bildung und gesellschaftlichen Dialog stärker miteinander zu verzahnen.

Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld hat in den vergangenen Jahren Maßstäbe gesetzt. Wir wünschen uns, diesen gemeinsamen Weg entschlossen fortzusetzen und weiter auszubauen. Dadurch kann die Stiftung auch künftig einen entscheidenden Beitrag zur Verwirklichung einer offenen, pluralen und diskriminierungskritischen Gesellschaft leisten – im Sinne des Leitgedankens Magnus Hirschfelds: „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“.

[1] Lesbisch* steht hier für die Vielfalt lesbischer Lebensweisen und schließt trans*, nicht-binäre sowie geschlechtsoffene Identitäten bewusst ein.

—-
Wer sind die Wirtschaftsweiber e. V.:
Die Wirtschaftsweiber sind ein bundesweites branchenübergreifendes Netzwerk für lesbische und queere Frauen* in der Arbeitswelt. Sie bieten sowohl eine Plattform zum Austausch und zur Vernetzung als auch regionale Netzwerktreffen und Events sowie ein Mentoringprogramm für die persönliche und berufliche Weiterentwicklung.
Ziel ist die Sichtbarkeit und Akzeptanz von lesbischen und queeren Frauen* in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft voranzutreiben, sich gegenseitig zu stärken, im beruflichen Weg zu unterstützen und gemeinsam Erfolge zu feiern.
Weitere Informationen und aktuelle Termine auf der Webseite des Vereins.

Textgrafik mit farbigem Hintergrund. Text:

Redaktioneller Hinweis: Jeder Beitrag der Reihe „Perspektiven. Für die BMH der Zukunft“ repräsentiert die Meinung und Ansichten der_des jeweiligen Autorin_Autors bzw. ihrer Organisation.

Vorschau

Nächste Woche schreiben Alva Träbert und Axel Hochrein vom LSVD+ Verband queere Vielfalt, was die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld benötigt, um ihren Auftrag auch in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Spannungen wirksam erfüllen zu können. Dabei machen sie konkrete Vorschläge, wie die Stiftung in ihrer Arbeit zukünftigen Herausforderungen begegnen kann. Den Text der Vertreter_innen des LSVD+ lesen Sie hier ab Do. 30. Juli 2026 – 9:00 Uhr.