Heinz Schmitz mit Trauerflor
Foto: Marko Priske

Als er der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld im Februar 2016 ein Interview über sein Leben gab, fragte er sich, ob es sinnvoll sei, seinen Namen zu nennen. Er hatte nicht nur gute Erfahrungen damit gemacht. Er entschloss sich dazu, dass im Gespräch selbst sein voller Name genannt werden dürfe, nach außen jedoch ein Pseudonym verwendet werden möge. Sein Interview ist bis heute eines der meistzitierten, und jedes Mal, wenn mich eine Anfrage erreicht, korrespondiere ich mit ihm, bitte um die Genehmigung und höre von ihm den Satz: „Du weißt ja, ich gehe mittlerweile ganz offen mit meiner Geschichte um, aber lass uns doch ruhig bei dem Pseudonym bleiben. Dass ich mich damals dazu entschieden habe, sagt ja auch etwas über die Zeit und das Thema aus.“ Auch wenn er also öffentlich längst mit seinem Klarnamen auftrat und in den vergangenen Jahren eine gewisse überregionale Bekanntheit erlangte, möchte ich mich an diese Sätze von ihm erinnern und – obwohl ich ihn selbst nie so genannt habe – sie befolgen.

Heinz Schmitz trat im Interview kämpferisch auf, wollte sich für eine Rehabilitierung und Entschädigung der Personen einsetzen, die nach Paragraph 175 des Strafgesetzbuches verurteilt worden waren und war dann ein Jahr später tatsächlich einer der Ersten, die eine Bescheinigung darüber erhielten, dass sie „jetzt keine Straftäter mehr seien, obwohl sie nie welche waren“, wie er es formulierte. Heinz, der 1943 in Freiburg im Breisgau geboren wurde, wurde Anfang der 1960er Jahre wegen Vergehen gegen Paragraph 175 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die den Wendepunkt seines Lebens markierte. Im Januar 2020 besuchte ich ihn, der immer noch in Freiburg lebte, anlässlich einer Konferenz, zu der ich eingeladen war. Zufällig befand sich der Konferenzort in unmittelbarer Nachbarschaft des Colombiparks, jenes Ortes, an dem Heinz seinerzeit versucht hatte, Kontakte zu anderen Männern zu finden und den er nach der Verurteilung für viele Jahrzehnte meiden sollte, obwohl er sich mitten in der Stadt befindet. Bei frühlingshaften Temperaturen mit ihm in diesem heute lichten Park zu stehen, auf die Stadt zu blicken und gleichzeitig zu wissen, welch fortdauernder Schmerz für Heinz Schmitz mit diesem Ort verbunden ist, bewegte mich zu der Frage, ob ihm nicht die ganze Stadt eine beständige Erinnerung an Demütigung, Diskriminierung und Ohnmacht sei. Nein, meinte er, dann hätte er hier nicht weiter leben können. Es war kein Groll mehr in ihm, höchstens eine hier und da bemerkbare Resignation angesichts der ihm von Seiten des Staates und der Gesellschaft genommenen Chancen, wenn wir an diesem Café und jener Bar anhielten und er bemerkte, wieviel leichter es heute für LSBTIQ* zuweilen sei. Er beschönigte die heutige Lage nicht, aber zumindest den Schmerz über das selbst Erlittene wollte er sich nicht auch noch nehmen lassen.

Heinz Schmitz heiratete, wurde Vater und arbeitete in unterschiedlichen Berufen. Im Interview erzählte er schonungslos gegen sich selbst von eigenen Fehlern und Versäumnissen seiner Ehefrau und den Kindern gegenüber. Er wusste, welchen Belastungen er sie aussetzte. Das ist ja ohnehin eines der Dramen solcher Lebensgeschichten: Wie jemand versucht, ein Leben nach einer von außen gewaltsam auferlegten Norm zu leben und dabei nicht nur sich selbst, sondern auch seine Familie unweigerlich ins Unglück stürzt. Vor allem wegen seiner Familie war er so zögerlich, seinen richtigen Namen publik zu machen.

Berufliches Glück fand er schließlich in den 1980er und 1990er Jahren in zwei unterschiedlichen Sphären: Als Kneipier wurde er in der Stadt bekannt und geliebt, als Radiomoderator war er in der Region angesehen und populär. Dass er 2017 vom damaligen Bundesjustizminister Heiko Maas zur ersten Lesung des Rehabilitierungs- und Entschädigungsgesetzes in den Deutschen Bundestag eingeladen wurde und anlässlich des zehnten Geburtstages des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen auch die Nachfolgerin im Amt, Katarina Barley, kennen lernen konnte, war ihm fast ein wenig der Ehre zu viel. Er freute sich darüber sehr, gab aber auch unumwunden zu, dass er anlässlich dieser Berlin-Besuche die Abende in Schöneberg und Neukölln ebenfalls sehr genießen würde.

Mitte Dezember sprachen wir zuletzt miteinander. Heinz war im Herbst 2020 längere Zeit im Krankenhaus, besonders plagte ihn, dass er kaum mehr sehen konnte. Es stand wohl eine stationäre Rehabilitation an, und er scherzte, dass er nach der durch den Bund nun also auch noch in den Genuss einer körperlichen Rehabilitierung käme. Vor einer Woche erfuhr ich, dass Heinz Schmitz am 18. Januar 2021 verstorben ist.

„Man kann Sie auch als Held sehen“, sagt einer der Interviewer in einem fast schon privaten Moment ganz am Ende des Interviews zu ihm. Wer verstehen will, was der Paragraph 175 bedeutete und welche Auswirkungen er hatte, wer verstehen will, was es hieß, im 20. Jahrhundert in der Bundesrepublik Deutschland schwul zu sein, möge sich seine Reaktion ansehen.

 

Für die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

Daniel Baranowski, wissenschaftlicher Referent Kultur, Geschichte und Erinnerung