Ein Gastbeitrag von Annette Güldenring, Vorsitzende des Fachbeirats der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, für unsere Textreihe „Perspektiven. Für die BMH der Zukunft”.

Was sehen wir, wenn wir auf Geschlecht blicken und was bleibt dabei oft unsichtbar? Annette Güldenring nimmt die Leser_innen mit auf eine ebenso persönliche wie philosophische Erkundung geschlechtlicher Vielfalt. Im Dialog mit Karl Heinrich Ulrichs und Magnus Hirschfeld plädiert sie für einen offeneren Blick auf das Geschlechtliche, reflektiert den Weg, den die BMH selbst zurückgelegt hat, und skizziert, welche Verantwortung der Stiftung daraus für die Zukunft erwächst.

Textgrafik mit farbigem Hintergrund. Text:

Ich frage mich von Kindheit an, ob es je so etwas wie ein unberührtes Geschlecht gegeben hat. Ein Geschlecht ohne jede Benennung und Deutung, ohne Festlegung von außen und ohne daraus folgende Verhaltensverpflichtungen. Kindlich fasziniert von der Erzählung Robinson Crusoe – nicht als koloniale Figur – träumte ich mich auf eine Insel, da mir nur dort ein von den Vorgaben entfesseltes Leben meines geschlechtlichen Seins möglich schien. Ein Phantasma der Urnatur des Geschlechtlichen. Auch als Erwachsene ist in mir das Bild der urgeschlechtlichen Insel geblieben. Ich muss es mir bewahren, weil es wohltuend ist.

Vom Unterscheiden zum Entmachten

Irgendwann im chaotischen Prozess der Evolution und Kulturbildung, inmitten des Hauens und Stechens um die Benennung der Dinge, von denen alle zu wissen glaubten, warum sie so, wie nur sie sie gesehen und gedeutet haben, richtig und deshalb gesellschaftsgültig sein sollten, erfand sich das große Sortieren und Ordnen. Wie aus einem frei flottierenden Impuls, ohne Zartgefühl, ohne Rücksicht und Weitsicht.

Als sich unter dem unermesslichen Leiden an der bedrohlichen Unübersichtlichkeit der Dinge die Fähigkeit des Unterscheidens schulte, erhellte sich mit dem Werkzeug des Unterscheidens eine Vision der Heilung. Diese Vision flüsterte, die Erfindung des Unterscheidens akribisch bis ins letzte Detail zu filigranisieren, um damit die Bestimmung über die fühlenden Wesen an sich reißen zu können und die unerträglich schwelende Angst vor der unberechenbaren Vielfalt alles Unfassbaren bewältigen zu können.

Und so wurde die Fähigkeit der Unterscheidung zum Fundament der Kulturentwicklung schlechthin: der Schlüssel, um die Rätsel der Natur bis ins letzte Glied in den Griff bekommen zu können. Ein Entmachten, das schnell kein Halten mehr kannte, rodete sich durch die Phänomene dieser Welt und nahm alles in seine Zange des Benennens. Und es rodete sich auch durch das, wofür irgendwann der später so langweilig und schäbig verengte Begriff „Geschlecht“ kreiert wurde. Geschlecht wurde verkürzt zu einer kulturellen Sitte, in der das Subtile des Geschlechtlichen, seine wundersame Begabung, achtlos liegen gelassen wurde. Es wurde amputiert, reduziert auf Organe, auf die Anhängsel und Einstülpungen der Körper mit ihren Fortpflanzungen in Musterhäusern, auf die fragilen Chromosomen, die vor Mutationen zusammenschrecken und alle Kraft aufbringen müssen, ihr X nicht mit dem Y zu verwechseln. Das Schneidewerkzeug der Naturwissenschaften trennte in seinem Unterscheiden alles, was zu schneiden war, allerdings nur im Rahmen festgelegter Denkrichtungen. Und dabei blieb das Unsagbare des Geschlechtlichen auf der Strecke.

Annäherung statt Zugriff

So könnte eine Ontologie des Geschlechtlichen gedacht werden, die Betonung liegt auf dem Konjunktiv. Jede Ontologie des Geschlechtlichen situiert, imaginiert und bleibt individuell existenziell gebunden. Auch meine. Es gibt nicht „die“ Ontologie, sondern unendlich mögliche geschlechtliche Lesarten der fühlenden Wesen seit Äonen.

Das Konstrukt Geschlecht stellt definitorisch ein unlösbares Problem dar: ein ‚Phänomen‘ unüberschaubarer Multidimensionalität, in deren Zusammenspiel sich das jeweils einzigartige geschlechtliche Sein eines jeden Menschen im eigenen Erleben konstituiert. Biologie, affektive Erfahrungen, körperleibliche Empfindungen, soziale Zuschreibungen, kulturelle Deutungsmuster, historische Kontexte, spirituell-geistige Sinngebungen usw. greifen ineinander und fügen sich zu einem Sosein, das fluide ist und sich jeder begrifflichen Fixierung entzieht.

Unter all den unauflösbaren Fragen zu den Geschlechtlichkeiten der lebendigen Natur tritt eine besonders deutlich hervor: Warum tun wir Menschen uns in unserer Wahrnehmung des Geschlechtlichen so schwer? Warum tasten wir an ihm herum wie an einer großen Unbekannten, statt uns mit Offenheit, Neugierde und Wertschätzung anzunähern? Das Problem scheint nicht in der Vielfalt der Geschlechtlichkeiten zu liegen, die die Natur in unzähligen Formen hervorbringt. Das Problem liegt vielmehr in dem menschlichen Wahrnehmungstunnel, der verengt, ordnet, abwehrt und banalisiert.

Aus der Sprachlosigkeit

In der Beschäftigung mit Karl Heinrich Ulrichs begegnet man einem frühen Moment der Sensibilisierung für das Unausgesprochene und Unverstandene im Geschlechtlichen.

Ulrichs wird meist als Vorkämpfer für die Rechte homosexueller Menschen erinnert. Bei genauerem Hinsehen öffnete sein aktivistisches Denken mehr. Seine berühmte Formulierung von der „anima muliebris virili corpore inclusa“ – einer weiblichen Seele, eingeschlossen in einen männlichen Körper – zielte zunächst auf das Verständnis männlicher Homosexualität. Zugleich führten ihn seine Überlegungen zu einer frühen Auseinandersetzung mit Geschlecht – ein in seiner Zeit revolutionärer Denkansatz. Dieser traf auf ein medizinisches Establishment, das im Geiste der entstehenden Psychiatrie normativ und pathologisierend geprägt war. Seine Arbeiten wurden in der damaligen Medizin zwar zur Kenntnis genommen, aber der Gedanke einer „anima muliebris virili corpore inclusa“ erschien zu metaphysisch, zu wenig naturwissenschaftlich, um breite Anerkennung zu finden. Sein Verdienst besteht also darin, einen diskursiven Raum geschaffen zu haben, in dem Geschlechtliches nicht nur als Körpermerkmal, nicht nur als moralisches Problem und nicht nur als medizinische Abweichung, sondern als Zusammenspiel von Leib, Seele, Begehren, sozialer Interaktion und vielem mehr bedacht werden konnte.

Ein Mensch, der genau dies in maximaler Intensität aufgriff und mit unermüdlichem Einsatz zu seinem Lebensthema gestaltete, war der Arzt Magnus Hirschfeld. Wie kein anderer verband er vorbehaltlose Neugier für das individuelle Sein im Menschen, ärztliche Fürsorge, politische Aufklärung und gesellschaftliches Engagement. In Hirschfelds Werk wurde aus der tastenden Sprache Ulrichs’ ein lebenslanges Bemühen, geschlechtliche und sexuelle Vielfalt des Menschen als individuelle Note und existentielles Bedürfnis wertzuschätzen und Menschen, die sexuell und geschlechtlich gesellschaftlich begrenzt wurden, zu einem Höchstmaß an Selbstbestimmung zu verhelfen.

Magnus Hirschfeld gab – neben seinem Interesse an den Sexualitäten des Menschen – dem Geschlechtlichen eine Sprache, die er nach leibnahen Kontakten mit geschlechtlich varianten Menschen behutsam formte. So fanden verschiedenste Formen geschlechtlichen Seins im modernen sexualwissenschaftlichen Diskurs erstmals in dieser Weise Ausdruck: nicht als Pathologie, nicht als Abweichung von einer vermeintlichen Norm, sondern als menschliche Form individueller Existenz, die in der ‚Natur‘ vorkommt. „Freilich muß die Naturbeobachtung auf dem Gebiete sexueller Varianten eine ganz besonders geschärfte, der Blick für die feinen Nuancen ausgebildet sein“ (Hirschfeld, Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen). Hirschfelds Blick für die ‚feinen Nuancen‘ ist als Ausdruck seiner Wahrnehmung einer seiner kostbarsten Beiträge und der wichtigste Schlüssel, das leibliche, seelische und geschlechtliche Erleben eines Menschen aus der Sprachlosigkeit herauszuheben.

Blinde Flecken der Erinnerung

Gerade vor dem Werk von Magnus Hirschfeld muss erinnert werden, dass die erste Satzung der Bundesstiftung aus dem Jahr 2011 in ihrem Stiftungszweck eng auf homosexuelle Menschen bezogen war. Geschlechtliche Vielfalt – ein Kernstück Hirschfelds Denken und Wirken – blieb in der ersten Satzung unbedacht – und das im dem Jahr, in dem das Bundesverfassungsgericht den Zwang zur Infertilität und geschlechtsangleichenden Operation als Voraussetzung für eine Personenstandsänderung aus dem damaligen TSG strich. Ein Hinweis dafür, wie schwer wir Menschen uns bis heute damit tun, das Geschlechtliche wahrzunehmen und vorbehaltlos anzuerkennen. Die Bundesstiftung tat sich in ihren Anfängen ebenso schwer.

Dass sich dies verändert hat, ist nicht einfach von selbst geschehen. Es verdankt sich dem fachlich klugen und mühsamen Wirken transaktivistischer Bewegungen. Erst am 23. November 2020 wurde beschlossen, den BV-Trans* in das Kuratorium der Bundesstiftung aufzunehmen – fast zehn Jahre nach ihrer Errichtung. Damit erhielt geschlechtliche Selbstbestimmung eine institutionelle Stimme in der Stiftung, in der sie von Anfang an hätte selbstverständlich mitgedacht werden und vertreten sein müssen.

Doch damit war der Weg noch nicht zu Ende. Erst mit der mühevollen Neufassung der Satzung vom 27. April 2023, verabschiedet am 6. Juli 2023, wurde der Stiftungszweck ausdrücklich auf alle queere Menschen erweitert. Ein Meilenstein und mehr als eine formale Korrektur. Es war eine späte Annäherung an das, was Hirschfeld längst gesehen und beschrieben hatte: dass sexuelle und genauso geschlechtliche Vielfalt nicht als Abart am Rand menschlicher Lebensformen steht, sondern Teil von ihr ist und ohne Einschränkung in die Arbeit der Bundesstiftung gehört.

Ringen um Sichtbarkeit

So rundet sich der Bogen schmerzhaft und zugleich zukunftsweisend. Die Geschichte der Bundesstiftung ist ein Beispiel dafür, wie mühsam selbst erinnerungspolitische Institutionen darum ringen, dem Geschlechtlichen in seiner Eigenständigkeit Raum und Sichtbarkeit zu geben. Sie zeigt aber auch, dass Veränderung möglich ist, wenn Menschen nicht nachlassen, auf das Unausgesprochene hinzuweisen sowie Sprache und Räume einzufordern.

Dabei ist die unterstützende Stimme der Bundesstiftung von besonderer Bedeutung. Sie trägt Verantwortung dafür, dass Geschlecht nicht an den Rand gesellschaftlicher Erinnerung gerät, sondern als grundlegende Dimension menschlichen Lebens wahrgenommen wird.

Resonanz – ein Übungsfeld

Vielfalt geschlechtlicher Erfahrungen macht unser menschliches Dasein reich und lebendig. Sie entfaltet sich dort, wo Menschen ihre je eigene Geschlechtlichkeit angstfrei leben, einander begegnen und Anerkennung erfahren können.

Wenn wir ernst nehmen, dass jeder Mensch ein eigenes, unverwechselbares Geschlecht lebt, das nach Resonanz sucht, dann muss sich vieles verändern. Es geht nicht länger darum, von „Zwittern“ oder „Transsexuellen“ als besonderen oder gar schützenswerten Gruppen zu sprechen. Vielmehr gilt es zu erkennen, dass Geschlecht alle Menschen betrifft. In diesem Sinne ist die Aufgabe der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld nicht allein, die Geschichte einzelner Minderheiten zu bewahren, sondern das Geschlechtliche als Teil der Geschichte, Gegenwart und Zukunft aller Menschen sichtbar zu machen und seine Vielfalt als unaufgeregten Teil unserer Gesellschaft zu öffnen und zu stärken.

Textgrafik mit farbigem Hintergrund. Text:

Redaktioneller Hinweis: Jeder Beitrag der Reihe „Perspektiven. Für die BMH der Zukunft“ repräsentiert die Meinung und Ansichten der_des jeweiligen Autorin_Autors bzw. ihrer Organisation.

Vorschau

Nun steht bald der Abschluss unserer Textreihe „Perspektiven. Für die BMH der Zukunft“ an. In jedem Fall dürfen Sie sich noch auf einen abschließenden Beitrag unseres Vorstands Helmut Metzner freuen.