Ein Gastbeitrag von Arn Sauer, Co-Direktor der Bundesstiftung Gleichstellung, in unserer Textreihe „Perspektiven. Für die BMH der Zukunft”.

Ausgehend vom Erbe ihres Namensgebers entwickelt Arn Sauer Überlegungen zum Auftrag, zur Rolle und zur Haltung der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. In Zeiten von Queerfeindlichkeit, Desinformation und gesellschaftlicher Polarisierung reflektiert sein Beitrag das Zusammenspiel von Erinnerung, Wissenschaft und politischer Verantwortung. Ein engagierter Impuls zur Frage, wie demokratische Gesellschaften widerstandsfähig bleiben können. 

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„Per scientiam ad justitiam“ – „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ – lautete der Leitspruch von Magnus Hirschfeld, dem Namensgeber der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Der jüdische Sexualforscher kämpfte bereits vor 130 Jahren mit wissenschaftsbasierter Aufklärung gegen den § 175 StGB und gründete 1897 mit dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK) die erste Organisation für die Bürgerrechte homosexueller sowie geschlechtlich vielfältiger Menschen.

Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld trat 2011 an, die Erinnerung an die Verfolgung queerer Menschen wachzuhalten, Forschung zu fördern und Bildungsarbeit zu leisten. Erstmals wurde damit staatlicherseits der letzten lange ungewürdigten Opfergruppe des Nationalsozialismus gedacht. Zugleich sollte die marginalisierte Geschichte queerer Menschen sichtbar gemacht und weiterer Diskriminierung entgegengewirkt werden.

15 Jahre später steht die Stiftung vor widersprüchlichen Entwicklungen: Einerseits markieren die „Ehe für alle“ 2017 und das Selbstbestimmungsgesetz 2024 bedeutende Fortschritte rechtlicher Gleichstellung. Andererseits geht die wachsende Sichtbarkeit queerer Menschen mit einem international vernetzten queer- und insbesondere transfeindlichen Backlash einher. Rechtspopulistische Kräfte diffamieren Vielfalt als „Ideologie“ und finden damit bis weit in konservative Milieus Anschluss.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Was würde „Tante Magnesia“ – so nannte sich Hirschfeld selbst im Kreise von Freund*innen – heute tun? Welche Aufgaben sollte die Bundesstiftung künftig (stärker) wahrnehmen?

Ein Blick auf aktuelle Studien zeigt den Handlungsbedarf und erforderliche Denkrichtung deutlich. Laut Lagebericht des Bundeskriminalamts 2025 hat sich die Zahl der Straftaten gegen LSBTIQ*-Menschen seit 2010 nahezu verzehnfacht. Gleichzeitig bleibt das Dunkelfeld enorm: Nach einer Studie der Europäischen Grundrechteagentur von 2020 meldeten 96 Prozent der Betroffenen Hassrede oder verbale Gewalt und 87 Prozent körperliche oder sexuelle Übergriffe nicht. Viele hielten Vorfälle für „nicht ernst genug“ oder befürchteten homo- bzw. transfeindliche Reaktionen der Polizei.

Diese Entwicklung wirkt paradox, da Umfragen zugleich hohe gesellschaftliche Zustimmung zu homosexuellen Lebensweisen zeigen. So befürworten laut Pollfish 75 Prozent der Befragten die Ehe für alle. Doch beim Thema geschlechtliche Vielfalt kippt das Bild: Nur 32 Prozent bewerteten die Anerkennung eines dritten Geschlechts positiv. Die Leipziger Autoritarismusstudie 2024 zeigte zudem, dass 37 Prozent der Deutschen transfeindliche Einstellungen vertreten. Antifeminismus, Antisemitismus und Rassismus stehen dabei oft in engem Zusammenhang mit der Ablehnung queerer, insbesondere geschlechtlich nicht-normativer Menschen.

Von einer diskriminierungsfreien Gesellschaft sind wir also weit entfernt. Angesichts zunehmender Wissenschaftsfeindlichkeit stellt sich zudem die Frage, ob Wissenschaft heute noch das geeignete Vehikel zur Herstellung von Gerechtigkeit sein kann? Gender Studies, Antidiskriminierungs-, aber auch Klima- und Gesundheitsforschung werden gezielt angegriffen, während „alternative Fakten“ und populistische Narrative an Einfluss gewinnen. Gleichzeitig sinkt in den algorithmischen Wohlfühlblasen die Bereitschaft, sich differenziert und evidenzbasiert mit Fragestellungen auseinanderzusetzen.

Die historische Arbeit der Stiftung muss in diesem Umfeld weitergedacht werden. Die Förderung von Geschichtsforschung und Zeitzeug*innenprojekten haben wichtige Lücken geschlossen. Doch mittel- und langfristig sollte die Verantwortung für eine umfassende Aufarbeitung der NS-Verfolgung von nach heutiger Diktion queeren Menschen stärker in den Mainstream der Geschichtswissenschaften übergehen – in die Arbeit der Universitäten, Lehrstühle und in Förderprogramme. Die Stiftung könnte dafür lobbyieren und dann ihre sehr begrenzten Mittel stärker auf Transfer und Vermittlung konzentrieren: darauf, historische Erfahrungen für heutige Generationen verständlich und emotional erfahrbar zu machen.

Dabei sollte die Stiftung die Ränder in den Mittelpunkt ihrer Arbeit rücken. Bereits zu Stiftungsgründung wurde kritisiert, dass geschlechtliche Vielfalt und lesbische Perspektiven in den Strukturen nicht bzw. kaum berücksichtigt wurden. Inzwischen sind Vertreter*innen lesbischer und TIN-Verbände in Fachbeirat und Kuratorium zu finden, wenn auch nicht paritätisch bzw. proportional. Die Stiftung befindet sich in einem weiter fortzusetzenden Lernprozess, lesbischen sowie trans*-, inter*- und nichtbinären (TIN) Perspektiven mehr Raum zu geben und diese übergreifend einzubeziehen.

Hirschfeld selbst verband wissenschaftliche Forschung stets mit politischem Engagement. Mit dem WhK und später dem Institut für Sexualwissenschaft verknüpfte er Forschung, Beratung, Aufklärung und Aktivismus. Wissenschaft war für ihn kein Selbstzweck, sondern Werkzeug gesellschaftlicher Veränderung. Zugleich gehörten auch menschenverachtende, eugenisch-koloniale Positionen zu seinem Erbe – ein Sachverhalt, der mitreflektiert werden muss – statt unkritische Hagiographie zu betreiben.

Aus diesem historischen Erbe ergibt sich ein klarer Zukunftsauftrag für die Bundesstiftung. Hirschfeld arbeitete eng mit queeren Betroffenen zusammen und machte ihre Lebensrealitäten zum Ausgangspunkt politischer Forderungen. Ebenso muss die Stiftung heute eng mit einer intersektionalen Community und Menschen mit Behinderung, migrantisierten, rassifizierten und anderweitig marginalisierten Menschen verbunden sein. Die Zerstörung von Hirschfelds Arbeit durch den Nationalsozialismus zeigt zudem, wie fragil über Jahrzehnte hart errungener, gesellschaftlicher Fortschritt ist und wie notwendig solidarische Bündnisse sind.

Die Parallele zu Hirschfeld liegt aber nicht nur in den Zielgruppen und Themen, sondern v.a. in der Haltung: in der Verbindung von Forschung, Bildung und Einmischung, in enger Kooperation mit den Communitys und mit dem Mut, auch in konflikthaften Zeiten klar Position zu beziehen. Besonders Hirschfelds frühe Beschäftigung mit geschlechtlicher Vielfalt verpflichtet dazu, TIN- und intersektionale Perspektiven nicht nur mitzudenken, sondern sie ins Zentrum der Arbeit zu rücken.

Zusammenfassend ergeben sich daraus fünf konkrete Aufgaben als Handlungsauftrag für eine resiliente Bundesstiftung, die gerade in den heutigen Zeiten wirksam und international wegweisend sein kann:

Erstens braucht es eine Fortsetzung der strukturellen Öffnung der Gremien und Haltung, dass Expertise aus einer intersektionalen, diversifizierten Community nicht als Zusatz, sondern als zentraler Bestandteil der Stiftungsarbeit verstanden wird. Das bedeutet nicht nur die Berufung einzelner lesbischer oder TIN-Vertreter*innen, sondern eine nachhaltige Verankerung von intersektionaler Vielfalt als Organisationsprinzip. Paritätisch-proportionale Quotierungsmodelle in Gremien und Berufungsverfahren sowie neue Kooperationen mit Organisationen, die entlang mehrfacher Axen der Ungleichheit arbeiten, könnten hier Instrumente sein.

Zweitens sollte die Stiftung ihre inhaltliche Arbeit mehr an historisch persistierenden wie neuen Problemlagen ausrichten. Erinnerungskultur und historische Forschung bleiben zentral, müssen aber stärker mit gegenwartsbezogenen Fragen und Transfer verknüpft werden. Die bereits geleistete Arbeit zu LSBTIQ* bietet hierfür eine belastbare Grundlage. Aufbauend darauf kann die Stiftung aktuelle Entwicklungen – etwa drohende Rückschritte, gesellschaftliche Polarisierung, Gewalt, Hass- und Desinformationskampagnen – systematischer in den Blick nehmen. Die aktuellen Angriffe v.a. auf trans* Rechte, aber auch auf Frauenrechte, Migrations- und Behindertenfeindlichkeit, Antisemitismus, antimuslimischer und antiziganistischer Rassismus etc. verlangen nach einer aktiven, öffentlich sichtbaren intersektionalen Solidarisierung und Positionierung, die Wissen vermittelt und sich in den kontroversen gesellschaftspolitischen Debatten hörbar zu Wort meldet. Wie es Tante Magnesia vorlebte, tut das der Wissenschaftlichkeit keinen Abbruch, im Gegenteil. Es ist antidiskriminatorischer, menschenrechtsorientierter Auftrag. Die Stiftung steht in der Verantwortung, nicht nur Wissen zu bewahren, sondern auch aktiv und im Zusammenwirken mit anderen Akteur*innen zur Verteidigung demokratischer und menschenrechtlicher Prinzipien beizutragen.

Drittens sollte sie ihre Rolle als Plattform für Vernetzung und Empowerment ausbauen. In Zeiten wachsender Anfeindungen braucht es Räume, in denen unterschiedliche Akteur*innen Strategien entwickeln und sich gegenseitig stärken können.

Viertens muss die Stiftung ihre Arbeit stärker mit anderen Institutionen verzahnen – etwa mit der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, dem Deutschen Institut für Menschenrechte oder der Bundesstiftung Gleichstellung. Angesichts des Erstarkens rechtspopulistischer Kräfte ist eine solche institutionelle Solidarität entscheidend für gesellschaftliche Resilienz.

Fünftens und letztlich sollte die Bundesstiftung angesichts der Bedrohungslage von queeren Menschen in Deutschland sowohl finanziell ausgebaut als auch politisch abgesichert werden, indem sie community-basierter aufgestellt wird: Die Repräsentation der Communitys sollte innerhalb der Gremien stärkeres Gewicht erhalten als die der Exekutive. Nur durch diese Stärkung von Unabhängigkeit kann die Stiftung auch dann Haltung für Grund-, Menschen- und Minderheitenrechte bewahren, wenn politische Mehrheiten sich verschieben oder staatliche Institutionen unter Druck geraten.

Ich hoffe, dass uns und der Bundesstiftung Zeiten wie jene, die Magnus Hirschfeld erleben musste, erspart bleiben. Doch gerade die Geschichte ihres Namensgebers verpflichtet dazu, die Stiftung krisen- und zukunftsfest zu machen – bis Vorurteile, Gewalt und Diskriminierung gegen queere Menschen in ihrer geschlechtlichen und intersektionalen Vielfalt überwunden sind. Tante Magnesia würde darauf anstoßen!

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Redaktioneller Hinweis: Jeder Beitrag der Reihe „Perspektiven. Für die BMH der Zukunft“ repräsentiert die Meinung und Ansichten der_des jeweiligen Autorin_Autors bzw. ihrer Organisation.

Vorschau

Nächste Woche lesen Sie die Perspektive von Jan-Marco Luczak, MdB für den Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg und BMH-Kuratoriumsmitglied: Luczak spricht sich darin nachdrücklich für eine Ergänzung des Diskriminierungsverbots in Artikel 3 des Grundgesetzes um das Merkmal der „sexuellen Identität“ aus. Auch aufgrund welcher konkreten Bedrohungslagen er dies für dringend geboten hält – und was für einen Auftrag an die BMH er hieran gekoppelt sieht, erfahren Sie hier ab Do. 10. September 2026 – 9:00 Uhr.