Ein Gastbeitrag der Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz und BMH-Kuratoriumsvorsitzenden Stefanie Hubig anlässlich der Textreihe „Perspektiven. Für die BMH der Zukunft“

Porträtbild von Dr. Stefanie Hubig, Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz
Bundesregierung / Sandra Steins

Der Anschlag auf die Feiern zum Christopher Street Day (CSD) am 25. Juli in Berlin hat uns alle zutiefst erschüttert. Friedlich feiernde Menschen wurden angegriffen, ein Mensch wurde getötet, eine zweistellige Zahl von Menschen wurde zum Teil schwer verletzt. Viele weitere werden mit den psychischen Folgen dieses Anschlags noch lange zu tun haben. Ihnen allen gilt mein tiefes Mitgefühl.

Vielfalt, Respekt, Freiheit und Lebensfreude – das ist es, wofür der CSD steht. Der Anschlag richtete sich gegen die queere Community und gegen alle, die für freiheitliche Werte, eine offene Gesellschaft und Vielfalt stehen. Eine offene Gesellschaft zeichnet sich auch dadurch aus, dass sich nach dieser abscheulichen Tat so viele Menschen solidarisch gezeigt haben, dass die Regenbogenflagge in Berlin und anderswo weiter in den Fenstern hängt. Das mildert keinesfalls die Angst, Trauer und Wut – aber es zeigt auf beeindruckende Weise die Entschlossenheit, gemeinsam unsere Werte und vielfältige Gesellschaft zu verteidigen.

Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (BMH) hat ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft. Denn die Mitte ist Garant für eine Gesellschaft, in der Vielfalt, Freiheit und Offenheit verankert sind – gerade in Zeiten, in der die über Jahre ausgebaute Toleranz gegenüber anderen Lebensrealitäten zu bröckeln scheint und Hass und Misstrauen um sich greifen.

Weiter rein in die Mitte der Gesellschaft – so stelle ich mir deshalb die Zukunft der BMH vor. Dabei hilft die Einsicht, dass queere Menschen nie nur queer sind. Sie arbeiten, kümmern sich um ihre Familien, sie leben in Pflegeheimen, engagieren sich in Sport- und Nachbarschaftsvereinen. Sie leben in Städten und auf dem Land, gehen in den Club und in die Kirche, engagieren sich in Parteien und pflegen ihren Kleingarten. Sie sind Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Und genau darin liegt ein enormes Potenzial auch für die Stiftung, welches sie bereits zu nutzen weiß.

Ich denke da an Projekte wie die BMH-Wanderausstellung „gefährdet leben“, die gerade durch ganz Deutschland tourt: in Volkshochschulen, Stadtbüchereien, Rathäusern und Kirchen – überall dort, wo Menschen sich in ihrem Alltag bewegen. Zukunft haben auch Projekte wie die Initiative „Fußball für Vielfalt“. Hier kamen Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zusammen, geeint durch das gemeinsame Interesse am Spiel. Davon bitte mehr – mehr Verbindung und Nähe, mehr Vernetzung und Austausch.

In den kommenden Jahren wird es folglich darum gehen, dass wir gesellschaftliche Vielfalt in der Mitte der Gesellschaft erfahrbar machen – auch und gerade für jene, die im Alltag kaum Berührungspunkte mit queeren Lebensrealitäten haben. Es geht darum, auf eine Sprache zu setzen, die alle verstehen, und Räume der Begegnung zu haben – nicht nur in urbanen Zentren und akademischen Zirkeln.

Potenzial sehe ich im Ausbau von strategischen Allianzen – mit Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden, mit Unternehmen, Sportverbänden, Religionsgemeinschaften und Migrantenorganisationen. Und in neuen Projekten, die gezielt jene erreichen, die bislang wenig oder gar keinen Kontakt mit queeren Perspektiven haben. Die Türen sollen offenstehen.

Ich sehe die Arbeit der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld in unserem Alltag – in Unternehmen, Schulen, Vereinen, Gemeinden und Nachbarschaften – überall dort, wo Menschen leben, arbeiten, glauben, streiten und feiern. Genau das brauchen wir für eine Gesellschaft, in der Verschiedenheit die Norm ist, in der niemand sich verstecken muss und in der wir frei lieben und leben können – und in der wir gemeinsam zusammenstehen, wenn sie angegriffen wird. Denn: Verschiedenheit ist unsere Stärke. —

Redaktionelle Hinweise:

  • Dieser Beitrag repräsentiert die Meinung und Ansichten der Autorin.
  • Aus gegebenem, aktuellen Anlass erscheint dieser Text als Sonderbeitrag außerhalb der Reihe.