Ein Gastbeitrag von Bernd Schachtsiek (Vorsitzender des BMH-Förderkreises) für die Reihe „Perspektiven. Für die BMH der Zukunft”.

Von zivilgesellschaftlichem Engagement in Zeiten wachsender Polarisierung: Bernd Schachtsiek reflektiert die aktuellen Herausforderungen für die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld und zeigt dabei, welche Rolle Fundraising spielen kann und wo auch dessen Grenzen sind. Am Ende steht eine Vision, die weit über die Gegenwart hinausweist und neue Räume für Erinnerung und gesellschaftliche Teilhabe denkt.

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Seit 15 Jahren verfolge und unterstütze ich die Arbeit der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld – zu Beginn als Mitglied des Kuratoriums für den Berufsverband VK e.V., dann als Mitglied im Förderkreis, in den letzten Jahren als dessen Vorsitzender.

Bei der Gründung der Stiftung war ein Gedanke vorherrschend: Was muss/sollte die Politik tun, um dem sichtbaren und unterschwelligen sexistischen homosexuellenfeindlichen Rassismus zu begegnen. Erinnern ist ein Element, um darauf aufbauend in die Zukunft zu blicken, das zweite.

Seit Beginn: Arbeiten im politischen Spannungsfeld

Dazu sollte die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld beitragen: Informieren, aufklären, die plurale Community besser vernetzen, Brücken bauen, Diskussionsräume schaffen, wissenschaftliche Fundierungen erarbeiten lassen und die Basis der Erinnerung verbreitern.

Schon die Gründungsphase zeigt, in welchem politischen Spannungsfeld die Bundesstiftung arbeitet. Es dauerte Jahre bis aus dem einstimmigen Beschluss des Bundestages Realität werden konnte. Auch die finanzielle Ausstattung war knapp bemessen. Dass es dann auch zu wichtigen politischen Beiträgen zur Aufarbeitung des Unrechts verbunden mit finanziellen Leistungen gekommen ist, war bei Gründung nicht so vorhersehbar.

Rückblickend auf die ersten 15 Jahre zeigt sich schon, wie wichtig und notwendig die Aufgaben der BMH sind.

Und wie aktuell.

Seit 2011 hat sich die Gesellschaft in Deutschland verändert. Die politischen Ränder, ganz besonders der Rechtsaußen, sind stärker und öffentlich sichtbarer geworden. Die Atmosphäre in unserer Gesellschaft ist nicht mehr dominierend von Offenheit und Pluralität geprägt, sondern zunehmend von Polarisierung und Ausgrenzung.

Menschen der LSBTIQ-Community sind trotz einer breiteren Akzeptanz wieder stärker Beleidigungen, sogar Angriffen bis hin zu Gewalt ausgesetzt. Rechtsradikale und Rechtsextreme hetzen in schlimmster Form gegen sie. Die plurale Gesellschaft, geprägt von Toleranz und gegenseitigem Respekt, steht im Fokus der Angriffe, völkische, antisemitische und LSBTIQ-feindliche Ideologien werden ohne Tabu vertreten.

Deshalb ist heute die BMH genauso bedeutend wie vor 15 Jahren. Sie muss dazu beitragen, dass die Resilienz der Demokrat_innen gestärkt wird. Sie ist eine Akteurin unter vielen, aber sie ist getragen vom Staat eine besondere, herausragende Akteurin.

Um diese Arbeit – im besten Fall zukünftig verstärkt – leisten zu können, braucht die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld heute mehr denn je ausreichende Ressourcen, personell und finanziell. Nicht zu unterschätzen ist zudem die Bedeutung ideeller Unterstützung durch Regierung und Parlament und ebenso wie der Rückhalt in der Zivilgesellschaft.

Wir als Förderkreis der BMH sind gerne ein Teil davon.

In der Vergangenheit konnten wir bereits eine Vielzahl von Projekten der Bundesstiftung – oft als Ergänzung bestehender Vorhaben – finanziell unterstützen, die nicht durch die zur Verfügung stehenden öffentlichen Mittel finanziert werden konnten. Allen voran kann ich hier das „Archiv der anderen Erinnerungen“ nennen, für das wir beispielsweise die Transkription der umfangreichen lebensgeschichtlichen Interviews unterstützt haben. Wir haben so die (noch) bessere Zugänglichkeit für Forschung, Bildung und interessierte Öffentlichkeit ermöglicht.

Was unser Förderkreis leisten kann

Hier sehe ich auch in Zukunft einen wichtigen Bereich unserer unterstützenden Arbeit für die BMH: Mit Freude vernehme ich jedes Jahr die nicht gerade kurze Wunschliste der Stiftung mit spannenden wie hoch relevanten Projekten und Ideen zur sinnvollen Ergänzung der bestehenden Arbeit. Da wir uns als Förderkreis zwar seit Gründung auf eine verlässliche Zahl gut vernetzter Persönlichkeiten stützen können, aber letztlich eine eher kleinere Gruppe sind, sind wir auf diese inhaltliche Zuarbeit durch die Geschäftsstelle der BMH angewiesen, um zielgerichtet und bedarfsgerecht fördern zu können.

Letztlich machen insbesondere unsere Vereinsmitglieder durch ihre Mitgliedsbeiträge die Förderung der BMH möglich. Unser Spielraum bleibt so aber auch begrenzt.

Für darüber hinaus gehende Mittelakquise stehen wir – wie die BMH bei ihren eigenen Fundraising-Bemühungen – vor der argumentativen Herausforderung, für eine staatlich geförderte Stiftung, private Mittel zu akquirieren, die ja grundsätzlich über einen nennenswerten eigenen Etat verfügt. Dass dieser Etat jedoch auch nach der jüngsten Aufstockung auf 806.000 Euro im Jahr 2026 nach wie vor unter dem liegt, was vergleichbare staatliche Stiftungen auf Bundesebene zur Verfügung gestellt bekommen, ist hier stets eine wichtige Antwort.

Für erfolgreiches Fundraising, gilt ansonsten das, was generell für Marketing gilt: Mach es anschaulich und emotional nachvollziehbar, dann weckst Du Interesse und die Bereitschaft zur (finanziellen) Unterstützung. Wohin kann also die Reise zukünftig für die BMH als Ganzes und unseren Förderkreis im Speziellen gehen?

Meine Vision: Ein geschützter Gedenk- und Aktionsraum

Über die ergänzende Förderung von ansonsten nicht finanzierbaren kleineren Projekten der Bundesstiftung hinaus, möchte ich hier gerne zum Abschluss die Gelegenheit nutzen und eine Vision teilen, die ich jüngst mit dem Vorstand der Bundesstiftung am Rande einer Ausstellungseröffnung im Schwulen Museum in Berlin andiskutieren konnte: Meines Erachtens braucht es eine umfassende Dauerausstellung, die die vielfältige queere Bewegungs- und Emanzipationsgeschichte mit modernen Vermittlungstechniken allen Zielgruppen an einem Standort näher bringt. Dieser Ort könnte darüber hinaus auch als geschützter Gedenk- und Aktionsraum entwickelt werden, in dem aktuelle Herausforderungen in der Arbeit für Vielfalt, Akzeptanz und Antidiskriminierung erörtert werden könnten.

Die Bundesstiftung bringt hier glaubwürdig Erfahrung und Kompetenz mit – nicht zuletzt aus der erfolgreichen Umsetzung und Organisation der Wanderausstellung „gefährdet leben. Queere Menschen 1933-1945“. Sie kann meines Erachtens an der Planung, Umsetzung und auch dem Betrieb maßgeblich mitwirken – unterstützt natürlich von den in ihren Gremien vertretenen Institutionen.

Wenn wir gemeinsam an dieser und weiteren konkreten Visionen arbeiten, dann lässt sich für solch ein im wahrsten Sinne des Wortes anfassbares gemeinschaftliches Projekt auch Unterstützung Dritter einwerben. Dessen bin ich mir sicher.

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Redaktioneller Hinweis: Jeder Beitrag der Reihe „Perspektiven. Für die BMH der Zukunft“ repräsentiert die Meinung und Ansichten der_des jeweiligen Autorin_Autors bzw. ihrer Organisation.

Vorschau

Nächste Woche lesen Sie hier, welche Forschungslücken und Leerstellen in der Erinnerungskultur Steffi Grimm von den Wirtschaftsweibern e.V. ausmacht und wie sie vorschlägt, diese zukünftig zu füllen. Ein Fokus Grimms liegt dabei auf der Stärkung der Sichtbarkeit lesbischer Lebensrealitäten, bei der die BMH künftig mehr Wirkung entfalten kann. Steffi Grimms Textbeitrag lesen Sie hier auf mh-stiftung.de ab Do. 23. Juli 2026 – 9:00 Uhr.