Ein Gastbeitrag von Maik Brückner (MdB und Mitglied im Kuratorium der BMH) für die Reihe „Perspektiven. Für die BMH der Zukunft.„
Inspiriert von Hirschfelds historischem Institut für Sexualwissenschaft skizziert Maik Brückner seine Vision eines offenen Community-Zentrums, das den Ansprüchen der queeren Communitys heute gerecht wird. Wo er in seiner Vision die BMH verortet, erfahren Sie ebenso, wie seine konkrete Perspektive für die BMH der Zukunft: Als eine Impulsgeberin und Vernetzerin, die Debatten nicht top-down, sondern mit allen für alle queeren Menschen führt.
Magnus Hirschfeld setzte sich nicht nur für die Menschen ein, die wir heutzutage als queer bezeichnen würden. Er war, nach damaligem Verständnis, Sozialist – was vor dem Hintergrund seiner Verdienste um die queere Emanzipationsbewegung oft übersehen wird, sich aber nicht davon trennen lässt. Hirschfeld interessierten die sozialen Verhältnisse: Er engagierte sich für die arbeitende Bevölkerung und für die Selbstbestimmung der Frau, war intellektuell u.a. von August Bebel beeinflusst, der umgekehrt auch seine Bemühungen um die Abschaffung des Paragrafen 175 unterstützte. Den Vielen in der Bevölkerung zugewandt zu sein – in diesem Geiste kann und sollte sich auch die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld weiterentwickeln.
Wissenschaft und Bildung standen seit jeher im Fokus der Bundesstiftung. Das ist gut und richtig und widerspricht dem auch nicht. Es kann aber zur Hürde für Menschen werden, denen nicht das Privileg einer akademischen Ausbildung zugekommen ist. Das trifft auf viele Menschen – um nicht zu sagen: die meisten – in unseren Communitys zu. Insofern stellt sich die Frage, auf welche Art und Weise die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld ein Ort für alle sein kann.
Den Vielen zugewandt: Das kann bedeuten, wissenschaftliche und politische Inhalte niedrigschwellig aufzubereiten. Ich würde allerdings noch einen großen Schritt weitergehen: Die Fraktion Die Linke im Deutschen Bundestag hat anlässlich des Holocaust-Gedenktages einen Antrag zur Erinnerung an die queeren Opfer des Nationalsozialismus eingebracht und darin u.a. den Wideraufbau des Hirschfeld-Instituts gefordert. Uns wurde entgegengebracht, dass es mit dem Institut für Sexualwissenschaften und Sexualmedizin an der Berliner Charité einen entsprechenden Nachfolger gäbe.
Tatsächlich bezieht sich das Institut der Charité in seiner Tradition auf Magnus Hirschfeld – ebenso wie auf Wilhelm von Humboldt, der bereits im Übergang vom 18. auf das 19. Jahrhundert gewirkt hat, also deutlich vor Hirschfeld. Der Hinweis übersieht allerdings, dass Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft – anders als die Bezeichnung nahelegt – mehr war als eine rein wissenschaftliche Einrichtung. Es handelt sich, wenn man so will, um einen Community-Ort, in dem auch Platz war für Kultur oder Politik. Daran wollen meine Fraktion und ich anknüpfen.
Am Rande der WorldPride 2025 in Washington, D.C., hatte ich die Gelegenheit in New York das Lesbian, Gay, Bisexual & Transgender Community Center unweit der Christopher Street zu besuchen. Das Konzept hat mich nachhaltig beeindruckt: Von Kunst und Kultur, über politischen Aktivismus bis hin zu geselligem Beisammensein ist dort alles möglich. Ein anderes Beispiel ist das Tel Aviv LGBTQ Center. Auch hier reicht die Palette von Drag Shows bis hin zu Gesundheitsangeboten. Das Center formuliert den Anspruch, man wolle ein Generator und ein Leuchtturm sein, der die unterschiedlichen Mosaikbausteine zusammenbringt, die die queeren Communitys bilden. Einen solchen Ort würde ich mir für Deutschland in Berlin wünschen. Das wäre ein kraftvolles Zeichen gegen das Sterben queerer Räume und hätte Strahlkraft weit über die Hauptstadt hinaus.
Ein solches Community-Zentrum müsste den Bedürfnissen der queeren Communitys im 21. Jahrhundert gerecht werden. Diese unterscheiden sich an der einen oder anderen Stelle sicherlich von denen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sicher gäbe es aber Parallelen. Für mich persönlich wäre wichtig, dass dieser Raum ohne kommerziellen Druck oder Verzehrzwang auskommt. Damit das gewährleistet werden kann, braucht es ein Bekenntnis von Politik und Öffentlichkeit, vor allem aber die Solidarität aus den Communitys.
Derzeit sehen wir sehr deutlich, was passiert, wenn Teile von Politik und Öffentlichkeit sich eines solchen Bekenntnisses verweigern. Die queere Infrastruktur steht unter Druck, weil öffentliche Mittel gekürzt und die Belange unserer Communitys in der Stadtentwicklung nicht mitgedacht werden. Vielfalt, so heißt es aus Teilen der Politik, sei kein Förderungsziel. Folglich geraten Programme wie zuletzt der nationale Aktionsplan „Queer leben“ unter die Räder. Aus Ermangelung an physischen Orten des Zusammenseins verlagern sich Diskursräume und Repräsentation in Soziale Netzwerke – konkurrierend und fremdbestimmt durch die Algorithmen der Tech-Konzerne. Die Folge ist, dass unsere Communitys Gefahr laufen in ihrer Diversität zu zerfasern, statt zusammenzuwachsen.
Diese Situation wird zum Prüfstein für den Zusammenhalt innerhalb und zwischen den Communitys. Ein Zusammenhalt, den wir womöglich neu erlernen und auf innovative Art mit Leben füllen müssen. Wir müssen Solidarität jenseits des Staates organisieren, ohne dass der Druck auf Politiker*innen und Regierungen nachlässt. Diese Aufgabe stellt sich nicht zuletzt auch für diejenigen in unseren Reihen, denen es finanziell gut geht und die vergleichsweise sorgenfrei leben können. Als Bundestagsabgeordneter zähle ich mich ausdrücklich dazu. Wir haben eine Verantwortung, dort zu unterstützen, wo unsere Communitys bedroht sind.
Darüber zu sprechen, wie so ein Community-Ort eigentlich aussehen soll, bedeutet meiner Meinung nach auch, auszusprechen, was dieser Ort nicht sein darf. Nicht sein darf dieser Ort eine durch Steuergeld finanzierte Oase des queeren Establishments, das primär die Bedürfnisse von Bildungsbürger*innen adressiert.
Die Bedingungen für den Aufbau eines queeren Community-Zentrums müssen Gegenstand politischer Aushandlungsprozesse sein und dürfen die queeren Communitys nicht außen vor lassen. Viele Fragen bezüglich des Standortes, der Konzeption, der Finanzierung usw. müssen an dieser Stelle offengelassen werden. Ich wünsche mir aber einen Ort, der Raum für alle hat: Queers mit wenig Geld, Ältere und Menschen mit Behinderung, Menschen mit HIV, von Rassismus Betroffene, Menschen ohne akademischen Background, geschlechtliche Minderheiten genauso wie sexuelle. Ein Ort, an dem queere Menschen auch dann Unterstützung finden, wenn es ihnen gerade einmal nicht gut geht. Ein Ort der Gemeinschaft.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der Rolle der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Aus meiner Sicht reicht es nicht, diesen Prozess nur zu begleiten. Die Stiftung sollte selbst aktiv werden – als Impulsgeberin, als Vernetzerin, als mögliche Trägerin. Die Frage, ob die Stiftung selbst sich nicht zu einem Community-Zentrum entwickeln kann, sollte dabei offen debattiert werden.
Das bedeutet: Debatten organisieren und Akteur*innen aus Zivilgesellschaft, Politik, Wissenschaft und Kultur zusammenbringen. Dafür wären verschiedene Formate denkbar. Unter der rot-roten Koalition in Berlin wurden seinerzeit z.B. „Ratschläge für sexuelle Vielfalt“ initiiert, bei denen Aktive aus den Communitys eingeladen wurden, um queere Politik nicht top-down, sondern gemeinsam zu entwickeln.
Hirschfelds Institut war ein Ort, der Wissenschaft, Solidarität und gesellschaftliche Veränderung miteinander verbunden hat. Daran anzuknüpfen, heißt heute, Räume zu schaffen, in denen genau das wieder möglich wird. Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld hat das Potenzial dazu.
Redaktioneller Hinweis: Jeder Beitrag der Reihe „Perspektiven. Für die BMH der Zukunft“ repräsentiert die Meinung und Ansichten der_des jeweiligen Autorin_Autors bzw. ihrer Organisation.
Im Kuratorium der Bundesstiftung sind 4 Bundestagsfraktionen vertreten. Im Laufe der Reihe bis Oktober werden Vertreter_innen von allen vertretenen Fraktionen einen Beitrag beisteuern.
Vorschau
Nächste Woche lesen Sie hier, wie Bernd Schachtsiek (Vorsitzender des BMH-Förderkreises) die aktuellen Herausforderungen für die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld reflektiert. Dabei schaut er auch auf die Grenzen von Fundraising für eine Bundesstiftung und entwickelt gleichzeitig eine Vision, die weit über die Gegenwart hinausweist. Diesen Beitrag lesen Sie auf unserer Webseite ab Do. 16. Juli 2026 – 9:00 Uhr.