Ein Gastbeitrag von Michael Schwartz, Professor am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin und Mitglied im Fachbeirat der Bundesstiftung in der Reihe „Perspektiven. Für die BMH der Zukunft“.
Auf der Suche nach neuen Wegen zu mehr Gerechtigkeit plädiert Michael Schwartz im Kontext zeithistorischer Forschung zu queerer Geschichte für drei zentrale Schwerpunktsetzungen: einen erweiterten Blick auf Diskriminierung jenseits staatlicher Verfolgung, eine vertiefte Analyse von Bewegungs- und Transformationsprozessen sowie eine stärkere Perspektive auf queere Migrationserfahrungen. Damit formuliert er konkrete Ansatzpunkte für künftige Forschungs- und Förderstrategien.
„Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“. Das war das lebenslange Leitmotiv des wissenschaftlichen und emanzipatorischen Wirkens von Magnus Hirschfeld (1868-1935), dem Namensgeber der nun vor fünfzehn Jahren gegründeten und seither auf vielen gesellschaftlichen Feldern aktiven Bundesstiftung Magnus Hirschfeld.
„Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“. Das klingt für uns Heutige noch stärker unwirklich, als es schon zu Hirschfelds Lebzeiten geklungen haben muss. Wurde die Aufklärung mit solchem Denken an der Schwelle zum 20. Jahrhundert nicht auf beinahe schon naive Weise idealisiert? Wurde die Kraft wissenschaftlicher Aufklärung nicht geradezu sträflich überschätzt, im damals heraufziehenden Zeitalter von Gewalthabern vom Schlage Hitlers und Stalins? Und war die Wissenschaft, vielmehr die vielen unterschiedlichen Wissenschaften, nicht allzu oft selbst das Problem statt die Lösung?
Und dennoch: Trotz aller Ambivalenzen und Brüche ist die Arbeit der Bundesstiftung letztendlich demselben idealen Konzept verpflichtet, dem auch ihr Namensgeber Hirschfeld sein Leben widmete: Dass es tatsächlich gelingen könnte und sollte, durch wissenschaftlich-methodische Aufklärung die gesellschaftliche Lage von Menschen, deren sexuelle Orientierung nicht jener der heterosexuellen Mehrheit entspricht, gerechter und besser zu machen. (Was übrigens zugleich das Leben dieser Mehrheit gerechter und besser macht.) Dass dies tatsächlich zumindest in vielen Ansätzen möglich ist, haben die emanzipatorischen Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte eindrucksvoll bewiesen. Die Existenz der Bundesstiftung ist die Folge dieser emanzipatorischen Fortschritte –und zugleich ist sie auch ein Akteur, der auf deren Weiterentwicklung dringt. In dem Wissen, dass diese Fortschritte begrenzt, keineswegs unumstritten und potenziell reversibel sind.
Vor diesem Hintergrund möchte ich als Historiker, der die Stiftung von Beginn an begleiten durfte, zu ihrem 15. Jahrestag fragen: In welche Richtungen sollte künftige zeithistorische Forschung und Forschungsförderung der Stiftung neue Schwerpunkte setzen?
Diese Frage kann und soll ein einziger wissenschaftlicher „Experte“ allein nicht beantworten. In der Bundesstiftung und deren Fachbeirat sind viele unterschiedliche Wissenschaftsdisziplinen oder Aufklärungs- und Bildungsperspektiven versammelt. Auch in jeder einzelnen Wissenschaft gibt es viele unterschiedliche Interessen und Fragen, die zusammengeführt und abgewogen werden müssen. Meine Antwort auf obige Frage wird daher bestenfalls ein kleiner Bestandteil jener größeren Zukunftsstrategie sein, auf die die Stiftung sich verständigen wird.
Im Bewusstsein dessen versuche ich hier einige Impulse zu formulieren:
- Die bisherige historische Forschung zu homosexuellen oder queeren Menschen hat sich nicht ausschließlich, aber doch sehr stark auf Formen staatlicher Verfolgung und Diskriminierung konzentriert. Das war sachlich dringend notwendig und bedarf angesichts von Stichworten wie „Paragraph 175“ oder „Rosa Winkel“ wohl keiner ausführlicheren Begründung. Auch ist diese Erforschung von Verfolgung, wie alle Forschung, niemals vollends abgeschlossen, da entweder neue Quellen in den Blick geraten oder alte wie neue Quellen auf bislang nicht gestellte neue Fragen stoßen. Gleichwohl sollten künftige Forschungen meines Erachtens stärker auch die vielfältigen Formen gesellschaftlicher Diskriminierung in den Blick nehmen. Die kurzen Stichworte Medizin, Bildungssystem, Arbeitswelt, Recht (insb. Zivilrecht) und Religionen (nicht nur Christentum!) machen hoffentlich deutlich, was hier gemeint ist und wieviel aufklärender Ertrag hier erwarten werden könnte.
- Hinsichtlich der homosexuellen und/oder queeren „Bewegungsgeschichte“ des 20. Jahrhunderts ist trotz guter Ansätze immer noch viel aufzuarbeiten: Vom Kaiserreich des frühen 20. Jahrhunderts, das sehr viel vielfältiger war als häufig gedacht und daher auch zahlreiche emanzipatorische Spielräume bot, über „homophile“ Netzwerke der frühen Bundesrepublik (1950er bis 1970er Jahre), deren Bedeutung für die liberale Reformära der Zeit um 1970 bisher unterschätzt wird, bis in die neueste Zeit hinein. Meines Erachtens sollte besonders die Diskurs- und Bewegungsgeschichte in der späten DDR (1980er Jahre) mit ihren gesamtdeutschen Verflechtungen und deren Weiterentwicklung im vereinigten Deutschland der 1990er Jahre tiefergehend untersucht werden. Außerdem könnte die innere Transformation der „Bewegung“ seit den 1990er Jahren – vom „schwulen“ SVD über den „schwul-/lesbischen“ LSVD zur heutigen Queer-Politik – mit all den damit verbundenen Konflikten und Kooperationen – ein lohnendes Thema sein. In beiden Fällen geht es um das bessere Erkennen der Entstehungsbedingungen von zentralen Voraussetzungen unserer eigenen Gegenwart.
- Die zeithistorische Forschung sollte in Kooperation mit anderen relevanten Disziplinen (insb. Soziologie, Migrationsforschung, Religionswissenschaft etc.) die besonderen gesellschaftlichen Situationen nicht-heterosexueller migrantischer Menschen fokussieren – von der „Gastarbeiter“-Immigration seit den 1950er Jahren bis ins 21. Jahrhundert. Insbesondere das Hinzutreten von Menschen aus mehrheitlich muslimisch geprägten Regionen hat beim gesellschaftlichen Umgang mit Homosexualität bzw. Queerness komplexe Wirkungen gezeitigt. Dabei müssen Situationen der jüngeren Einwanderer-Generationen von solchen der ersten Generation zusätzlich unterschieden werden. Emanzipatorische Dynamiken werden hier ebenso greifbar wie neue Diskriminierungspotenziale. Zugleich hat eine Migrations-Perspektive auf die deutsche Gesellschaft die Sensibilität für – auch sonst gegebene – intersektionale Probleme steigern helfen.
Nun sind die Möglichkeiten der Bundesstiftung, namentlich die finanziellen, bekanntlich nicht unendlich. Aber vielleicht tragen die hier formulierten Zukunftsgedanken dazu bei, künftige Schwerpunkte für Forschungsförderung oder Kooperationen zu identifizieren Die Formulierung thematischer Schwerpunkte für die alljährliche Projektförderung soll anregende Impulse in die Gesellschaft hineingeben oder solche zusätzlich stärken.
Denn wenn man durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit gelangen will, hört die Arbeit nie auf. Solches Bemühen will emanzipatorische Erkenntnis bei vielen anderen fördern. Es geht aber immer auch darum, nicht zuletzt sich selbst – so hofft man zumindest – über Begrenzungen und Widersprüchlichkeiten des eigenen Denkens und Wirkens aufzuklären. Denn so begrenzt, wie Hirschfeld es bei all seinen Verdiensten war, sind es zwangsläufig, auf jeweils eigene Weise, auch wir. Selbst-Aufklärung, nicht zuletzt durch das Zusammenführen unterschiedlicher Menschen und Perspektiven, kann das nicht völlig ändern, aber doch bewusst machen. Im besten Falle entsteht daraus größere Offenheit für andere Sichtweisen und Kraft zur Kooperation.
Redaktioneller Hinweis: Jeder Beitrag der Reihe „Perspektiven. Für die BMH der Zukunft“ repräsentiert die Meinung und Ansichten der_des jeweiligen Autorin_Autors bzw. ihrer Organisation.
Vorschau
Nächste Woche lesen Sie hier die Analyse von Autorin und Aktivistin Nora Eckert, wieso die Bundesrepublik Deutschland nach 1945 trotz Grundgesetz queere Menschen viele Jahre diskriminieren konnte und was das, trotz verschiedener Emanzipationserfolge der jüngeren Vergangenheit, für die Zukunft der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld und ihrer Arbeit bedeutet.