Über Burnout, Care-Arbeit und die Zukunft queerer Bewegungen
Ein Gastbeitrag von Juliane Rosin vom Lesben*Ring e.V. zur neuen Reihe „Perspektiven. Für die BMH der Zukunft“.
Wie kann queerer Aktivismus langfristig handlungsfähig bleiben, wenn diejenigen, die ihn tragen, zunehmend erschöpft sind? Juliane Rosin richtet den Blick auf einen blinden Fleck aktueller Förderprogramme: die unverzichtbare Care- und Sorgearbeit, die politische Fortschritte überhaupt erst möglich macht. Am Beispiel des Lesben*Ring e.V. zeigt sie, warum Burnout kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem ist und macht konkrete Vorschläge für Veränderungen – auch für die Förderpraxis der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld.
Die Welt steht in Flammen – politisch, gesellschaftlich und emotional. Während mächtige rechte Akteur_innen Gewalt und Feindbilder reproduzieren, tragen LGBTIQ*-Aktivist_innen die Last des Widerstands. Sie organisieren Kampagnen, Demonstrationen, Beratungsangebote und Netzwerke – oft ehrenamtlich – und sind zugleich selbst von genau den Diskriminierungs- und Gewaltverhältnissen betroffen, gegen die sie arbeiten. Ihre Arbeit ist unverzichtbar. Und sie erschöpft diejenigen, die sie leisten.
Seit 15 Jahren unterstützt die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld diese Arbeit durch Mikroförderungen: über 200 Projekte, insgesamt knapp eine Million Euro, durchschnittlich etwa 4.000 Euro pro Projekt. Diese Förderung ist wichtig, weil sie dort ankommt, wo sonst kaum Mittel verfügbar sind – bei kleinen Initiativen und zivilgesellschaftlichen Strukturen.
Gleichzeitig macht genau diese Förderlogik ein strukturelles Problem sichtbar: Gefördert werden vor allem sichtbare Ergebnisse – nicht jedoch die unsichtbare Infrastruktur, die diese Ergebnisse überhaupt erst ermöglicht.
Burnout ist längst kein verborgenes Phänomen mehr. Wissen über mentale Gesundheit ist breit zugänglich – in Podcasts, sozialen Medien, therapeutischen Kontexten. Aktivist_innen wissen um die Bedeutung von Selbstfürsorge, von Pausen, von Regeneration. Und dennoch nimmt die Erschöpfung zu.
Denn Wissen allein reicht nicht.
Während rechte Gruppen seit Jahrzehnten auf stabile, internationale Netze und milliardenschwere Rücklagen bauen können, findet LGBTIQ*-Aktivismus im Modus permanenter Dringlichkeit statt: Wenn ich es nicht mache, wer dann? Ich muss meine Kräfte nutzen, solange ich kann. Sorge für sich selbst wird zur nachgelagerten Aufgabe – etwas, das irgendwann später stattfinden soll, nach der Kampagne, nach der Krise, nach der nächsten politischen Eskalation. In der Praxis wird Selbstfürsorge so oft zu einem weiteren Punkt auf einer ohnehin überfüllten To-do-Liste.
Das Ergebnis ist ein strukturelles Paradox:
Wir wissen mehr denn je über Burnout – und erleben ihn gleichzeitig immer häufiger.
Unsichtbare Arbeit, sichtbare Folgen
Ein prägnantes Beispiel ist der Lesben*Ring – seit über vierzig Jahren eine der wenigen Organisationen in Deutschland, die ein breites Spektrum lesbischer Themen auf Bundesebene bearbeitet.
Seine Arbeit wird nahezu vollständig ehrenamtlich getragen. Gleichzeitig sind die Erwartungen hoch: Politik, Medien und Institutionen greifen regelmäßig auf die Expertise des Lesben*Rings zurück – insbesondere an der Schnittstelle von Queerfeindlichkeit, Misogynie und Sexismus. Von ihm werden Stellungnahmen, Einordnungen und politische Impulse erwartet.
Faktisch bedeutet das, auf einem Niveau zu arbeiten, das mit Organisationen wie dem LSVD+ oder dem Deutschen Frauenrat vergleichbar ist – jedoch ohne deren personelle oder finanzielle Ausstattung.
Die Folge ist eine dauerhafte Überlastung. Vorstandsmitglieder und Ehrenamtliche sichern nicht nur politische Arbeit, sondern auch die grundlegende Funktionsfähigkeit der Organisation. Zeit für strategische Weiterentwicklung, für Austausch mit den eigenen Communitys oder für das Entwickeln neuer inhaltlicher Impulse fehlt häufig.
Jedes Jahr stellt sich die gleiche Frage: Gibt es genügend Menschen, die die notwendige Arbeit leisten können, um den Betrieb überhaupt aufrechtzuerhalten? Gleichzeitig verändert sich das politische und gesellschaftliche Umfeld rasant – und erzeugt zusätzlichen Anpassungsdruck.
Was nach außen wie eine funktionierende Interessenvertretung wirkt, ist intern oft ein fragiles Gefüge, das von Menschen getragen wird, die an der Grenze ihrer Belastbarkeit arbeiten.
Das ist kein Einzelfall. Es ist ein strukturelles Muster.
Historische Perspektive: Hirschfelds Infrastruktur
Dieses Muster ist nicht neu. Im frühen 20. Jahrhundert war die politische und wissenschaftliche Arbeit von Magnus Hirschfeld maßgeblich auf Care- also Sorgearbeit angewiesen. Sein Institut basierte nicht nur auf bekannten Wissenschaftler_innen und Aktivist_innen, sondern auch auf einem Netzwerk von Personen – viele von ihnen Frauen, cis und trans* –, die essenzielle Unterstützungsarbeit leisteten: Sie organisierten den Alltag, kümmerten sich um Menschen und sorgten für Stabilität in prekären Situationen.
Ihre Arbeit war und ist für die Öffentlichkeit weitgehend unsichtbar – und gleichzeitig die Voraussetzung für alles, was sichtbar wurde. Bis heute werden vor allem die sichtbaren Ergebnisse erinnert: Publikationen, politische Fortschritte, internationale Vernetzungen. Die Sorgearbeit, die diese Leistungen ermöglicht hat, bleibt meist unerwähnt – sowohl in der Erinnerungskultur als auch in aktuellen Förderstrukturen.
Gefördert werden konkrete, möglichst schnelle Ergebnisse.
Dabei macht diese Logik einen grundlegenden Fehler. Bereits im 18. Jahrhundert entwarf Adam Smith die Idee der unsichtbaren Hand des Marktes – die Vorstellung, dass individuelles Handeln zum Wohl der Gesellschaft beiträgt. Was dabei systematisch ausgeblendet wurde: die materiellen und emotionalen Voraussetzungen dieses Handelns. Smith war ein Kind seiner Zeit und lebte bei seiner Mutter. Ihre Sorgearbeit war für ihn so selbstverständlich wie die Luft zum Atmen – und blieb deshalb aus seinen ökonomischen Theorien weitgehend ausgeschlossen. Genau diese Ausblendung wirkt bis heute fort. Was als selbstverständlich gilt, erscheint nicht als förderwürdig. Was unsichtbar ist, wird nicht systematisch mitgedacht.
Und so wiederholt sich der blinde Fleck auch im Blick auf Hirschfeld: Wir erinnern die sichtbaren Errungenschaften – die Theorien, die politischen Kämpfe, die internationalen Netzwerke. Doch die Sorgearbeit, die all dies ermöglicht hat, bleibt im Hintergrund.
Wenn wir aus dieser Geschichte etwas lernen wollen, dann dies: Nicht nur das Sichtbare hat Geschichte geschrieben – sondern vor allem das, was wir bis heute nicht gelernt haben, als Teil davon anzuerkennen.
Strukturelle Schieflage in der Gegenwart
Diese Schieflage setzt sich weiter fort. LGBTIQ*-Initiativen in Deutschland sind strukturell unterfinanziert. Ein Großteil der Arbeit wird ehrenamtlich geleistet – oft von Menschen, die selbst von Diskriminierung betroffen sind. Sie bieten Beratung, schaffen Schutzräume und reagieren auf politische Bedrohungen – innerhalb eines Systems, das ihnen an Ressourcen deutlich überlegen ist. Allgegenwärtig die Angst, die wenigen vorhandenen Fördermittel auch noch zu verlieren.
Gleichzeitig fehlt es an belastbaren Daten. Es existieren kaum systematische Studien zur mentalen Gesundheit von Aktivist_innen oder Menschenrechtsverteidiger_innen in Deutschland. Keine umfassende Erfassung von Burnout. Keine strukturelle Analyse von Sorgearbeit in sozialen Bewegungen. Argumentiert wird vor allem mit zu geringen Ressourcen. Aber diese Leerstelle ist nicht neutral. Care-Arbeit und Investitionen in nachhaltige Infrastrukturen für Aktivismus werden selten priorisiert, somit nicht gemessen – und noch seltener finanziert.
Das Ergebnis ist ein System unter Druck.
Resilienzforschung zeigt: Systeme können externe Schocks nur dann bewältigen, wenn sie ihre internen Prozesse kontinuierlich reflektieren, anpassen und stabilisieren. Für queeren Aktivismus bedeutet das:
- Belastungen und Reibungspunkte sichtbar machen
- Ressourcen für Moderation, Mediation und Prozessbegleitung schaffen
- emotionale und organisatorische Stabilität stärken
- Regeneration und Reflexion als integralen Bestandteil von Arbeit begreifen
Vor allem aber bedeutet es, das dominante Narrativ des Aktivismus zu hinterfragen: das Bild der permanenten Dringlichkeit und des Held_innentums. Nachhaltige Bewegungen basieren nicht auf Selbstaufopferung – sondern auf stabilen Strukturen.
Handlungsspielräume der Stiftung
Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld hat hier eine besondere Rolle. Ihr Mandat umfasst Forschung, Bildung und Erinnerung. Sie bewegt sich an der Schnittstelle von Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft.
Daraus ergibt sich eine Verantwortung – und eine Chance.
Erstens: Forschung erweitern.
Wir brauchen systematische Untersuchungen zur mentalen Gesundheit im Aktivismus, zur Rolle von Sorgearbeit und zu den Bedingungen nachhaltiger politischer Arbeit.
Zweitens: Bildungsarbeit neu ausrichten.
Es reicht nicht, Diskriminierung zu analysieren. Wir müssen auch verstehen, wie Bewegungen langfristig handlungsfähig bleiben. Resilienz, kollektive Fürsorge und nachhaltige Organisationsformen müssen zentrale Themen werden.
Drittens: Erinnerungsarbeit erweitern.
Geschichte muss auch die unsichtbaren Strukturen sichtbar machen – die Sorgearbeit, die Stabilisierung, die Unterstützung im Hintergrund.
Und viertens – besonders dringend: Förderpraxis verändern.
Solange Förderung primär an Projekte gebunden ist, bleibt das strukturelle Problem bestehen. Was fehlt, ist gezielte Finanzierung von Stabilität:
- Supervision, Coaching und Mediation
- Organisationsentwicklung
- Räume für Rückzug, Reflexion und Regeneration
- mehrjährige Förderstrukturen
Es geht nicht darum, mehr zu tun.
Es geht darum, anders zu fördern.
Eine Frage für die nächsten 15 Jahre
Die Mittel der Stiftung sind begrenzt. Doch gerade darin liegt ihr Potenzial: gezielt dort anzusetzen, wo andere Förderlogiken versagen, Themen sichtbar zu machen und neue Räume zu eröffnen.
Sie kann – im besten Sinne – Pionierarbeit leisten.
Denn wenn sich die strukturellen Bedingungen nicht verändern, ist die Konsequenz absehbar: Nicht das Engagement wird fehlen, sondern die Menschen, die es tragen.
Die zentrale Frage für die kommenden 15 Jahre lautet daher nicht:
Wie fördern wir mehr Projekte? Sondern: Wie stellen wir sicher, dass es Menschen gibt, die sie langfristig tragen können?
Sorgearbeit ist keine Ergänzung von Aktivismus.
Sie ist seine Voraussetzung.
Redaktioneller Hinweise:
Jeder Beitrag der Reihe „Perspektiven. Für die BMH der Zukunft“ repräsentiert die Meinung und Ansichten der_des jeweiligen Autorin_Autors bzw. ihrer Organisation.
Juliane Rosin vertritt den Lesben*Ring e.V. im Kuratorium der BMH.
Vorschau
Nächste Woche schaut Pierre Thielbörger darauf, wie sich die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld über queere Erinnerungsarbeit hinaus neu positionieren muss, um queere Rechte effektiv zu verteidigen: Er geht dabei auf drei spannende Felder ein: Leerstellen in der juristischen Forschung, öffentliche Sichtbarkeit und das Themenfeld Regenbogenfamilien.