Ein Gastbeitrag von Ulrich Baumann, Mitarbeiter der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und Engagierter in der westdeutschen Schwulenbewegung, in unserer Textreihe “Perspektiven. Für die BMH der Zukunft”.
Ulrich Baumann blickt aus zwei Perspektiven zugleich auf die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld: aus der Sicht bundesweiter Institutionen und aus seiner langjährigen Erfahrung in lokalen queeren Strukturen. Zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen staatlichem Auftrag und zivilgesellschaftlichem Engagement entwickelt er Überlegungen zur Zukunft der Stiftung. Ein persönlicher Beitrag, der dazu einlädt, über Reichweite, Verankerung und neue Wege der Weiterentwicklung nachzudenken.
Fünfzehn Jahre Bundesstiftung Magnus Hirschfeld – eineinhalb erste Jahrzehnte. In einer menschlichen Biographie bedeutet das noch nicht das Erreichen der Volljährigkeit, aber die Pubertät. Ein ganzes Erwachsenenleben steht noch bevor. Auf die Bundestiftung Magnus Hirschfeld übertragen könnte das heißen: Das Beste kommt noch. Der Gedanke mag sich vielleicht nicht einstellen, angesichts zunehmender menschenfeindlicher Tendenzen. Gegen den Pessimismus hilft die Bestandsaufnahme, der Blick auf das Erreichte, auf das, was vielleicht für selbstverständlich gehalten wird: Und das ist im Fall der Bundesstiftung der institutionelle Rahmen und die Sammlung praktischer Erfahrungen, über fünf Wahlperioden und fünf Koalitionsregierungen.
Meine Berlin-Perspektive: Die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas
Ich möchte den Aspekt der Erfahrung vor dem Hintergrund meiner eigenen institutionellen Einbindung besonders hervorheben – ich schreibe hier zunächst aus meiner Perspektive als Mitarbeiter einer anderen Bundesstiftung, der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Inhaltlich sind wir mit der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld durch unseren eigenen gesetzlichen Auftrag verbunden: eine würdige Erinnerung an alle Opfer des Nationalsozialismus sicherzustellen. Das drückt sich unter anderem in unserer Verantwortung für das Denkmal für die verfolgten Homosexuellen im Berliner Tiergarten aus.
Ich selbst kam 2002 zur Stiftung Denkmal, zwei Jahre nach deren Gründung. Einige grundlegende Weichenstellungen konnte ich mitverfolgen. Wir waren ein kleines Team, unsere erste Aufgabe war die Kuration der Dauerausstellung am Ort der Information. Uns standen seitens des Kuratoriums und der Beiräte viele Türen offen. Für viele Kollegen und Kolleginnen der deutschen Gedenkstättenlandschaft waren wir jedoch Outsider. Das Projekt eines Holocaustdenkmals galt für weite Kreise der kritischen Öffentlichkeit in der Bundesrepublik als aus der Zeit gefallen, als erinnerungspolitisches Feigenblatt, als Konkurrenz zu den »authentischen Orten«, als Bedrohung des mühsam erkämpften zivilgesellschaftlichen Gedenkens. Staat versus bürgerschaftliches Engagement – dieses vermeintliche Spannungsverhältnis prägte bekanntermaßen auch die Entstehungsgeschichte der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, vor allem die Frage, wer in ihren Gremien in welcher Stärke vertreten sein sollte.
Das Holocaustdenkmal wurde schließlich eröffnet, es erhielt weltweite Aufmerksamkeit. Die Befürchtungen zivilgesellschaftlicher Akteure und Akteurinnen traten nicht ein – im Gegenteil. Ein zentrales nationales Denkmal schuf Synergieeffekte für die lokale Erinnerungsarbeit. In den folgenden Jahren stand die Bundesregierung zu dem durch das Parlament beschlossenen Stiftungsauftrag. Mehrmals in der Geschichte der Stiftung gelang es (wenn auch unter Mühen), die wachsenden Aufgaben finanziell abzusichern, und bereits neun Jahre nach der Gründung eine Mehrheit des Hohen Hauses davon zu überzeugen, eine Anpassung des Stiftungsgesetzes in Angriff zu nehmen. Unsere institutionelle Einbindung in das erinnerungspolitische Engagement des Bundes (konkret bei der/dem BKM) erlaubt uns seit über 20 Jahren ein solides Arbeiten. Welche Rückschlüsse lassen sich hieraus für die Perspektiven der Bundestiftung Magnus Hirschfeld ziehen? Unsere Einrichtungen lassen sich nicht unmittelbar gleichsetzen. Aber aus Sicht meiner noch jungen Mitarbeit im Fachbeirat sehe ich den dringenden Bedarf, die Bundesstiftung nach einer langen Phase ihres Aufbaus nun finanziell auf solidere Füße zu stellen, um mehr Projekte fördern zu können, um die geförderten Projekte höher etatisieren zu können, um die Förderrichtlinien an einigen Stellen zu erweitern. Dazu gehört aus meiner Sicht ebenfalls ein personeller Aufwuchs der Geschäftsstelle – und ja, vielleicht auch räumlich mehr Platz, als er derzeit in Berlin-Mitte gegeben ist, ein Besprechungsraum mit Tageslicht zum Beispiel wäre ein wichtiger Schritt.
Meine Freiburger Perspektive
Das ist zugegebenermaßen eine sehr ›staatstragende‹ Sichtweise, dazu noch aus einem hauptstädtischen Blickwinkel. Mir ist natürlich bewusst, dass der Staat gerade beim Thema geschlechtliche und sexuelle Vielfalt, bei der dahingehenden Aufklärungs- und Emanzipationsarbeit sowie bei Fragen der historischen Aufarbeitung nur einer von vielen Akteuren sein kann. Persönlich kenne ich auch die andere Seite, das Engagement an der Basis. Ich schreibe daher hier nicht nur als Mitarbeiter einer staatlichen Stiftung, sondern auch aus der Perspektive einer Person, die vor über drei Jahrzehnten in der westdeutschen Schwulenbewegung aktiv war, politisch, in der psychosozialen Beratungsarbeit, sowie bei der kulturellen Programmgestaltung. Der Schauplatz meines schwulenpolitischen Engagements in den späten 1980er- und 1990er Jahren war die Universitätsstadt Freiburg. Die Freiburger Schwulenbewegung hatte sich mit dem Verein »Rosa Hilfe Freiburg« einen institutionellen Rahmen gegeben. Ich trat 1987 bei, zwei Jahre nach der Gründung, auch hier also in einer Phase des Aufbaus. Die Freiburger Schwulengruppe ordnete sich zumindest partiell in das autonome Spektrum ein, war bundesweit vernetzt und sie lehnte Forderungen der Reformbewegung wie die der »Homo-Ehe« ab. Auf Bundesebene führte die Auseinandersetzung gerade über dieses Thema bekanntermaßen zum Auseinanderbrechen des Bundesverbandes Homosexualität. Die neue gesamtdeutsche Schwulenbewegung, die stark aus den Erfahrungen der DDR-Bürgerrechtsbewegung schöpfte, trug diese Fragen schließlich in die Parlamente. Die „Ehe für alle“ kam, und das war auch gut so, wenngleich ich mir persönlich (heute als Teil einer Regenbogenfamilie) wünschen würde, dass alternative Lebenskonzepte rechtlich umfassender berücksichtigt würden. Die Rosa Hilfe Freiburg blieb damals bewusst eher Zaungast mancher reformpolitischer Umbrüche. Gleichzeitig professionalisierte sie sich selbst; sie bezog eigene Räume und erhielt städtische Fördergelder. Ihre Arbeit verstetigte sich. Letztes Jahr feierte sie 40-jähriges Jubiläum.
Eine kühne Zukunftsvision
Wenn ich nun heute aus Berliner Perspektive auf meine Zeit bei der südwestdeutschen ›provinziellen Avantgarde‹ zurückblicke, so kommt mir eine kühne Zukunftsvision für die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, die ich gerne kurz anreißen möchte:
Wie wäre es, wenn sie sich in einem übernächsten Schritt föderalisieren würde, über die schon jetzt praktizierte geographisch breit verteilte Förderung hinaus? Wenn sie analog zu den politischen Parteienstiftungen (Böll, Adenauer, Ebert, Naumann) Landesbüros eröffnete? Vielleicht nicht gleich 16 auf einen Streich, sondern wenn sie dort beginnen würde, wo es bereits jetzt punktuelle Kooperationen gibt? Sich dann dort im Rahmen lokaler Beiräte stärker mit der Basis dezentraler queerer Arbeit verbände? Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie aufwändig sich ein lokales Engagement einer Bundesstiftung mit Berliner Sitz darstellt, sei es aus der Betreuung von Wanderausstellungen oder im Fall meiner Teilnahme an der Hirschfeld-Lecture 2019 in Rostock. Gleichzeitig könnten die lokalen Beiräte auch der Rahmen sein, innerhalb dessen mögliche Bedenken seitens lokaler, zivilgesellschaftlicher Akteur_innen konstruktiv besprochen werden. So würde es wieder gelingen, aus möglicherweise wahrgenommener Konkurrenz oder gar Bedrohung tatsächliche Synergieeffekte zu erzielen und die dezentrale queere Forschungs- und Bildungsarbeit nachhaltig zu stärken.
Bei einer ›Föderalisierung‹ wäre hier strukturell auch an eine Einbindung der Bundesländer zu denken, möglicherweise über eine Erhöhung des Stiftungskapitals, mit der die Idee einzelner Länderbüros vielleicht umsetzbar würde. Dass die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld als Stiftung auf privatrechtlicher Basis gegründet wurde (anders als die Stiftung Denkmal, die eine Stiftung öffentlichen Rechts ist), könnte ein solches Engagement von Seiten der Bundesländer erleichtern, ohne das der Charakter einer Bundesstiftung verloren ginge. Historisch gesehen haben sich die deutschen Länder bis zur sogenannten Verreichlichung der Polizei im Nationalsozialismus und dann wieder nach 1945 über die Arbeit der Kriminalpolizei an der Verfolgung von homosexuellen und weiteren queeren Menschen beteiligt. Hier besteht deshalb auch eine historische Verantwortung. Für eine Forschungs- und Bildungsstiftung sind die Bundesländer auf Grund ihrer Bildungshoheit ohnehin relevante Ansprechpartner.
Redaktioneller Hinweis: Jeder Beitrag der Reihe “Perspektiven. Für die BMH der Zukunft” repräsentiert die Meinung und Ansichten der_des jeweiligen Autorin_Autors bzw. ihrer Organisation.
Vorschau
Nächste Woche lesen Sie die Perspektive von Arn Sauer, Co-Direktor der Bundesstiftung Gleichstellung, der sich vor dem Hintergrund zunehmender Queer- und Transfeindlichkeit, gesellschaftlicher Polarisierung und Wissenschaftsfeindlichkeit für einen erweiterten Auftrag der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld ausspricht. Worin dieser Aufrag für eine BMH der Zukunft ganz konkret bestehen soll und welche Forderungen er damit verknüpft, erfahren Sie hier ab Do. 3. September 2026 – 9:00 Uhr.