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Ein Gastbeitrag von Martin Lücke, Professor für Didaktik der Geschichte an der Freien Universität Berlin, in unserer Textreihe “Perspektiven. Für die BMH der Zukunft”.

Martin Lücke blickt auf eine Gegenwart, die von neuen Auseinandersetzungen um Vielfalt, Teilhabe und demokratische Verantwortung geprägt ist. Dabei verbindet er historische Perspektiven mit einer pointierten Analyse aktueller Entwicklungen und spart auch deutliche Kritik nicht aus. Ein streitbarer Text über gesellschaftlichen Fortschritt, seine Voraussetzungen – und warum Errungenes niemals selbstverständlich ist.

Textgrafik mit farbigem Hintergrund. Text:

Immerhin: Sie kämpft mit offenem Visier. Karin Prien, Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, hat im März 2026 in einem Interview mit der taz einen bemerkenswerten Satz gesagt. Bemerkenswert nicht, weil er neu wäre, sondern weil er so offen formuliert wurde: „Gesellschaftliche Vielfalt ist grundsätzlich positiv – aber als staatliches Förderziel sehe ich das nicht.“¹ Das ist keine Hinterzimmer-Rhetorik, kein AfD-Pamphlet und kein anonymes Leak. Hier spricht eine amtierende Bundesministerin aus der Mitte der politischen Landschaft, die in einem linken Leitmedium erklärt, dass die Förderung von Vielfalt für sie keine staatliche Aufgabe ist.

Eigentlich hatte ich für diesen Beitrag etwas ganz anderes geplant. Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld feiert ein Jubiläum, und ich hatte vor, mit einem optimistischen Text zu gratulieren: Wie würde eine post-queere Welt aussehen, in der Vielfalt – paradoxerweise – zur Normalität geworden ist? Eine Welt, in der die Ziele queerer Politik so selbstverständlich erfüllt sind, dass das Adjektiv „queer” seine kämpferische Aufladung verliert, weil es sie nicht mehr braucht? Wie ist es wohl, in dieser Welt zu leben? Wo gehen wir tanzen? Wie riecht die Luft? Wie schmeckt die Arbeit? Wie schön ist die Liebe? Wie gut ist der Sex? Das Prien-Interview hat diese Gedanken abrupt unterbrochen. Nicht weil es mich überrascht hätte, sondern weil es mir deutlich macht, dass wir von dieser Welt viel weiter entfernt sind als ich dachte.

Was das Interview konkret bedeutet, ist längst sichtbar. Im Rahmen des Umbaus von „Demokratie leben!” verlieren rund 200 Projekte ihre Finanzierung, darunter Einrichtungen, die seit Jahren queere Bildungsarbeit leisten, Beratungsangebote für LSBTIQ*-Menschen vorhalten, systematisch gegen Diskriminierung arbeiten.² Betroffen ist der Bundesverband Queere Bildung, betroffen sind aber auch HateAid, die Amadeu Antonio Stiftung, die Bildungsstätte Anne Frank. Die Ministerin erklärt, alle könnten sich neu bewerben, wenn sie bereit seien, Projekte aufzulegen, die den „zukünftigen präzisierten Förderzwecken“ entsprechen. Das klingt nach Offenheit, aber es ist das Gegenteil: eine Einladung zur Selbstanpassung unter Androhung des Entzugs. Zuletzt hat es das queere Jugendnetzwerk Lambda e.V.  mit einer kompletten Streichung seiner Förderung getroffen: Priens Ministerium hat den Rahmenvertrag mit Lambda zum Jahresende gekündigt. Die Liste der queeren Projekte, die akut bedroht sind, wächst wöchentlich. Was wir gerade erleben, ist der größte Kahlschlag an queerer Infrastruktur in der Geschichte der Bundesrepublik, verantwortet von einer christdemokratischen Ministerin.

Erkämpfte Geschichte

Wir haben in den letzten vier Jahren im Rahmen des DFG-Forschungsnetzwerks „Queere Zeitgeschichten im deutschsprachigen Europa“ intensiv queere Zeitgeschichte erforscht. Im Netzwerk haben über dreißig Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Ländern und Disziplinen zusammengearbeitet  – von der Geschichtswissenschaft über die Soziologie und Kulturwissenschaft bis zu den Gender Studies.³ Das Netzwerk hat 2025 seine Arbeit mit einem dreibändigen Handbuch abgeschlossen, dessen dritter Band queere Bewegungsgeschichte ins Zentrum stellt. Was mich in dieser Arbeit am stärksten geprägt hat, ist die Erkenntnis: Queere Errungenschaften waren nie einfach da. Sie wurden erkämpft: mühsam, widersprüchlich, oft unter enormen Kosten. Und sie mussten, sobald sie erreicht waren, verteidigt werden.

Die Geschichte queerer Bewegungen im deutschsprachigen Europa ist durchzogen von Brüchen und Rückschlägen. Rechtliche Gleichstellung und gesellschaftliche Akzeptanz klafften regelmäßig auseinander und standen in Spannungsverhältnissen. Errungenschaften für einen Teil der queeren Community gingen nicht selten mit Ausschlüssen anderer einher. Bei meinem Blick in die queere Geschichte lerne ich immer wieder: Vielfalt entsteht nicht von selbst. Sie muss aktiv erkämpft und, wenn sie erkämpft ist, aktiv verteidigt werden.

Magnus Hirschfeld hat das gewusst. Als er 1897 in Berlin das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee mitgründete, tat er das nicht in einer Zeit, die offen dafür war – er tat es gegen eine Zeit, die es nicht war. Sein 1919 gegründetes Institut für Sexualwissenschaft war ein erkämpfter Schutzraum, eine erkämpfte Infrastruktur, ein erkämpfter institutioneller Ort queerer Existenz. Die Nationalsozialisten haben diesen Ort 1933 zerstört, als eines ihrer ersten kulturpolitischen Akte. Das Institut war deshalb so ein frühes Ziel, weil es so eine sichtbare Errungenschaft war.

Eine neue Phase der Verteidigung

Wir sind in eine neue Phase der Verteidigung eingetreten. In Europa und weltweit mehren sich die Anzeichen eines massiven homo- und transfeindlichen Backlashs. In den USA wurden allein 2025 über 850 Gesetzentwürfe gegen LSBTIQ*-Rechte eingebracht. DEI-Programme wurden systematisch abgebaut, die Anerkennung nicht-binärer Identitäten durch Bundesbehörden untersagt. In Deutschland wurde das Selbstbestimmungsgesetz, kaum in Kraft, im Koalitionsvertrag 2025 faktisch wieder unter Vorbehalt gestellt. In Berlin wurden queere Bildungsprojekte und Beratungsangebote gekürzt.4 Und jetzt: die Neuausrichtung von „Demokratie leben!” unter dem Vorzeichen, Vielfalt sei kein staatliches Förderziel.

Was die Ministerin formuliert, ist nicht weniger als die programmatische Absage an das Konzept aktiver Demokratieförderung – in Zeiten einer wachsenden Bedrohung durch rechts. Wer sagt, Vielfalt sei zwar grundsätzlich positiv, aber eben kein staatliches Förderziel, der sagt: Der Staat zieht sich zurück aus der aktiven Stärkung von Gruppen, die strukturell diskriminiert werden. Er überlässt das Feld dem freien Spiel gesellschaftlicher Kräfte, also jenen Strukturen, gegen die queere Bewegungen seit über einem Jahrhundert ankämpfen mussten.

Für die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld sind die Aussagen der Ministerin ein besonderer Affront, denn die Förderung von Vielfalt ist ihr Stiftungszweck: Sie erforscht „die gesellschaftlichen Lebenswelten queerer Menschen“ in Geschichte und Gegenwart und wirkt ihrer Diskriminierung entgegen.5 Diversität und Intersektionalität sind die leitenden Prinzipien ihres Forschungs- und Bildungsprogramms.6 Wer Vielfalt als staatliches Förderziel ablehnt, stellt auch die BMH in Frage.

Was die BMH leisten kann und muss

Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld hat in dieser Phase eine Aufgabe, die weit über die Feier eines Jubiläums hinausgeht.

  • Sie muss erstens die Solidarität mit den Projekten organisieren, die nun um ihre Förderung kämpfen. Der Bundesverband Queere Bildung, das Jugendnetzwerk Lambda e.V. und andere Einrichtungen tragen die Hauptlast des gegenwärtigen Kahlschlags. Vernetzung, institutionelle Sichtbarkeit, öffentliche Unterstützung — das sind keine weichen Faktoren. Sie sind die konkreten Grundlagen dafür, dass deren Arbeit fortgeführt werden kann.
  • Sie muss zweitens sichtbar Position beziehen. Wenn aus der politischen Mitte heraus erklärt wird, Vielfalt sei kein staatliches Förderziel, ist Schweigen keine neutrale Haltung, es ist bereits eine Haltung. Die Geschichte zeigt, dass queere Institutionen dann gestärkt aus Angriffsphasen hervorgegangen sind, wenn sie klar benannt haben, was auf dem Spiel steht. Es geht um die Substanz – auch um die eigene der Bundesstiftung. Wenn es nun selbst einem Jugendnetzwerk an den Kragen geht, das schon seit 1990 queere Interessen vertritt, wäre es naiv, wenn die BMH sich in dieser Situation sicher fühlt. Im Gegenteil: warum sollte sie nicht eines der nächsten Opfer des momentan grassierenden antiqueeren Kahlschlags sein?
  • Sie muss drittens die historische Tiefendimension des Angriffs sichtbar machen: Was gerade geschieht, ist kein neues Phänomen. Die Muster der Delegitimierung queerer Infrastruktur, der Behauptung, queere Sichtbarkeit gefährde andere gesellschaftliche Gruppen: das sind Muster, gegen die queere Bewegungen seit dem 19. Jahrhundert ankämpfen. Diese Einbettung ist politisch bedeutsam: Sie macht klar, dass es sich nicht um einen Streit über Förderdetails handelt.

Nicht „kann”, nicht „sollte”, nicht „dürfte” – sie muss. Die Satzung schreibt es vor, das Forschungs- und Bildungsprogramm fordert es ein.

Die post-queere Welt, die ich mir ursprünglich in diesem Beitrag vorstellen wollte, ist nicht abgesagt – im Gegenteil! Aber sie liegt wohl viel weiter in der Zukunft als gedacht. Wer die Geschichte queerer Bewegungen kennt, weiß: Diese Distanz ist kein Argument gegen das Ziel. Sie ist ein Argument für mehr Arbeit in der Gegenwart.

Nachweise

¹ Kersten Augustin/Konrad Litschko: „Vielfalt sehe ich nicht als staatliches Förderziel”. Interview mit Karin Prien, in: taz, 25.3.2026, https://taz.de/!6165687/ .

² Konrad Litschko: „Ein fatales Zeichen”, in: taz, 20.3.2026, https://taz.de/!6164747/ .

³ Bewegungsgeschichte schreiben in Zeiten neuer Bedrohungen. Rückblick und Ausblick auf drei Jahre DFG-Forschungsnetzwerk „Queere Zeitgeschichten im deutschsprachigen Europa” (S. 13–22) sowie Queere Bewegungsgeschichte und ihre Ambivalenzen. Einleitung zum dritten Band (S. 23–40), in: Martin Lücke/Benno Gammerl/Andrea Rottmann (Hg.): Handbuch Queere Zeitgeschichten. Band III: Bewegungen, Bielefeld: transcript 2025.

4 Die hier nur kurz skizzierten Entwicklungen sind ausführlicher dargestellt und belegt in: Bewegungsgeschichte schreiben in Zeiten neuer Bedrohungen. Rückblick und Ausblick auf drei Jahre DFG-Forschungsnetzwerk „Queere Zeitgeschichten im deutschsprachigen Europa“, S. 16–21, in:  Martin Lücke/Benno Gammerl/Andrea Rottmann (Hg.): Handbuch Queere Zeitgeschichten. Band III: Bewegungen, Bielefeld: transcript 2025.

5 Satzung der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, https://mh-stiftung.de/ueber-die-stiftung/satzung/, zuletzt abgerufen am 29.04.2026.

6 Forschungs- und Bildungsprogramm der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, https://mh-stiftung.de/ueber-die-stiftung/forschung-und-bildungsprogramm/#seite-2, zuletzt abgerufen am 29.04.2026.

Textgrafik mit farbigem Hintergrund. Text:

Redaktioneller Hinweis: Jeder Beitrag der Reihe “Perspektiven. Für die BMH der Zukunft” repräsentiert die Meinung und Ansichten der_des jeweiligen Autorin_Autors bzw. ihrer Organisation.

Vorschau

Nächste Woche teilt Ulrich Baumann, der sich in der Schwulenbewegung der 1980er und 90er Jahre engagierte, seine persönliche Perspektive auf zivilgesellschaftliches Engagement und bringt verschiedene Ebenen von Verantwortung und Wirksamkeit in die Debatte ein. Uli Baumanns ganz konkrete Perspektive für eine föderale BMH der Zukunft finden Sie hier ab Do. 27. August 2026 – 9:00 Uhr.