Ein Gastbeitrag von Autorin und Aktivistin Nora Eckert für die Reihe “Perspektiven. Für die BMH der Zukunft.“
Nora Eckert blickt eindringlich auf verdrängte Kontinuitäten in der Ausgrenzung queerer Menschen nach 1945 und zeigt, warum Bildung und Aufklärung sowie Solidarität mit und unter queeren Menschen heute wichtiger sind denn je. Zugleich entwirft Eckert eine klare Vision für die Zukunft der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld: als kraftvolle Stimme für Menschenrechte, Bildung und gesellschaftliche Veränderung – ganz im Sinne ihres Namensgebers.
Die Geschichte der Bundesrepublik ist mindestens auch eine Begriffsgeschichte, eingeschrieben darin Begriffe, die sich auf unterschiedliche Weise auf die zwölf Jahre der NS-Diktatur beziehen. Begriffe wie etwa Entnazifizierung, Wiedergutmachung, Kollektivschuld, aber auch solche wie Wiederaufbau, Restauration, Schlussstrich. Einer jedoch ist, anders als die meisten anderen, aktuell geblieben, nämlich die Wiedergutmachung. Ich komme darauf zurück. Sie sagen uns, weder ist Geschichte abschließbar noch austauschbar. Für Geschichte gibt es keine feinsäuberliche Mülltrennung, wohl aber Entscheidungen darüber, wohin die geschichtliche Reise gehen soll.
Menschenwürde: unantastbar – aber ungleich verteilt
Vieles von dem, was nach 1945 entstand, war von dem Vorsatz des „Nie wieder!“ geprägt – so auch eine Verfassung, die als unser Grundgesetz in den ersten Artikeln absichtsvoll elementare Menschenrechte verankerte. Und da stand nun dieser strahlende Satz ganz oben an erster Stelle: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die Gleichheit aller Menschen vor dem Recht stand darin ebenso wie das Verbot der Benachteiligung aufgrund welcher Merkmale auch immer und noch einiges mehr dieser Art. Wie uns aber die Geschichte der Bundesrepublik lehrt und wie die Verfassungsrechtsprechung es uns seither vor Augen führt, gehört zur Ironie dieser Geschichte eine lange Liste von Verwirklichungsdefiziten. Dass die Unantastbarkeit der menschlichen Würde auf dem Papier steht, ist eben noch lange keine Garantie dafür, dass ihr ein gelebter Alltag entspricht. Jedenfalls scheint Würde unterschiedlich verteilt zu sein.
Magnus Hirschfeld hätte das nur zu gut gewusst, denn er setzte sich zeitlebens für die Rechte eben jener Menschen ein, die damals rechtlos waren und es nach 1945 viel zu lange blieben. Gemeint sind jene Menschen, die wir dem Akronym LSBTI zuordnen. Ich werde sie hier der Einfachheit halber queer nennen und sie als queere Community ansprechen. Für sie galt weiter die Rechtlosigkeit, sie waren der Kriminalisierung und Stigmatisierung ausgesetzt, und dazu allen nur erdenklichen Diskriminierungen und Gängelungen durch den Staat, der sich wie zum Hohn ausgerechnet die Unantastbarkeit der Würde des Menschen zum ethischen Prinzip erhoben hatte. Deren Verletzung wird, so mein Eindruck, eher als Kavaliersdelikt verbucht – so etwa, wenn ich als trans*Frau in meinem Frausein in Frage gestellt werde.
Das lange Nachwirken der NS-Dikatatur
Der Paragraf 175, der in der Nazi-Fassung bis 1969 galt, und überhaupt erst 1994 abgeschafft wurde, ist dafür ein trauriger Beleg. Auch die absolute Rechtlosigkeit, die für trans- und intergeschlechtliche Menschen galt, ist ebenso ein Beleg, auch wenn im Fall von trans* 1981 durch das mit lauter Verfassungswidrigkeiten vollgepackte Transsexuellengesetz (TSG) endlich Namens- und Personenstandsänderungen möglich wurden. Intergeschlechtliche Menschen mussten noch viel länger warten, bis sie durch die sogenannte „Dritte Option“ 2018 eine rechtliche Anerkennung im Hinblick auf den Geschlechtseintrag „divers“ erfuhren und dazu ein Operationsverbot für intergeschlechtliche Kinder auf den Weg gebracht wurde mit viel zu vielen Schlupflöchern. Wie steht es hier um das sonst so vielzitierte Kindeswohl?
Erschwerend kam zu all dem hinzu, dass die zwölf Jahre NS-Diktatur etwa mit Blick auf die sich nach 1945 neu etablierende Sexualwissenschaft als wirksamer und nachhaltiger erwiesen als die Lehren ihres Gründers Magnus Hirschfeld und der damit verbundenen Praxis an dem ebenfalls von Hirschfeld gegründeten Institut für Sexualwissenschaft in Berlin. Das hatte mit personellen Kontinuitäten gleichermaßen zu tun wie mit tiefsitzenden ideologischen Verhärtungen und – nennen wir es ruhig beim Namen – zum Teil auch mit altbekanntem Antisemitismus.
Mit der Zerstörung des Instituts 1933 und der Vertreibung der dort arbeitenden jüdischen Wissenschaftler wurde zugleich und – wie wir wissen – mit verheerenden Folgen ein Denkansatz zerstört, der die Idee der Entpathologisierung in sich trug. Davon war in der Sexualwissenschaft nach 1945 mit ihrem Rekurs auf die Psychopathologie des 19. Jahrhunderts nicht das Geringste wiederzufinden. Gründlicher konnte die Auslöschung des von Hirschfeld betriebenen Kampfs um sexuelle und geschlechtliche Emanzipation nicht sein. Wie anders hätte die queere Geschichte in der Bundesrepublik ausgesehen, wenn Hirschfelds Denkansatz aufgenommen und weiterentwickelt worden wäre. Gewiss, in seiner wissenschaftlichen Arbeit finden wir auch Problematisches – Stichwort Eugenik. Auch seine Zwischenstufentheorie ist mit Recht Geschichte geblieben, auch wenn der darin enthaltene Gedanke des Pluralismus in Fragen der Sexualität gültig blieb.
Wiedergutmachung für queere Menschen
Ich hatte eingangs von der anhaltenden Aktualität des Begriffs ‚Wiedergutmachung‘ gesprochen. Sie beginnt mit der Anerkennung des geschehenen Unrechts als Unrecht, nur ist es dadurch freilich nicht ungeschehen zu machen. Aber die Entschädigung, die Opfer des Paragrafen 175 erhielten, war immerhin auch ein Eingeständnis, dass der Staat in ihrem Fall eine zwanzig Jahre praktizierte Menschenrechtsverletzung zu verantworten hatte. Die Rede ist von ungefähr 50.000 Fällen. Dass es so viele wurden, war nicht zuletzt der Tatsache von recht denunzierfreudigen Mitmenschen geschuldet. Unter den mit Gefängnisstrafen Verurteilten waren übrigens, nebenbei bemerkt, auch einige trans*Frauen.
Als einen Akt der ‚Wiedergutmachung‘ sehe ich auch die Einführung des Selbstbestimmungsgesetzes (SBGG), denn bei allen Vorbehalten und Ängsten, die bei dem Gesetz so offenkundig mitgeschrieben haben, können wir nun wirklich von einem Meilenstein auf dem Weg zur geschlechtlichen Selbstbestimmung sprechen, um aber auch nur festzustellen, dass wir damit immer noch am Anfang eines Projekts stehen mit der Überschrift ‚Unser Weg zur inklusiven Gesellschaft‘. Ganz abgesehen davon, dass die oft irrationalen Widerstände gegen das SBGG mit all den damit einhergehenden Bedrohungsszenarien bis hin zu Verschwörungstheorien, dass die ansteigende, statistisch ausgewiesene trans* und queer-Feindlichkeit, zum traurigen Alltag der queeren Community gehört.
Und hier kommt die BMH ins Spiel
Und hier kommt nun Magnus Hirschfeld ins Spiel, genauer gesagt, die nach ihm benannte Bundesstiftung – für mich übrigens auch ein später Akt der Wiedergutmachung, nämlich als Würdigung des Namensträgers und als Hoffnung, dass das von ihm hinterlassene progressive Erbe als Aufforderung zum Handeln und zum Intervenieren verstanden wird. Was heißt das aber?
Mein kurzer geschichtlicher Rückblick über den Umgang der Gesellschaft und Politik mit queeren Menschen macht für mich zwei Punkte besonders deutlich, die – wie ich meine – auch künftig die Ausrichtung der Arbeit der BMH prägen müssen. Zum einen dürfen wir nicht vergessen, dass die ‚dunkle Vergangenheit‘ eben nicht 1945 endete, sondern noch weit in die Geschichte unseres Landes hineinreicht mit der katastrophalen Folge, dass die queere Community noch lange staatlicherseits und auch von Seiten der Gesellschaft ungestraft Diskriminierungen ausgesetzt war und dass ihre Pathologisierung durch die Sexualwissenschaft nicht unwesentlich zu dieser Situation mit beigetragen hat. Im Fall von trans* hieß das bis in unsere Gegenwart hinein, dass nicht über Persönlichkeitsrechte und deren Integrität, sondern schlicht über Krankheitsdiagnosen verhandelt wurde. Das Gerede um das biologische Geschlecht schlägt da in die gleiche Kerbe. Zum anderen bleibt all das Erreichte in Sachen rechtlicher und sozialer Anerkennung ein Verteidigungsfall. Denkbare politische Entwicklungen lassen befürchten, dass wir das Erreichte keineswegs sicher haben. Und sinkende Sympathiewerte in Meinungsumfragen bestätigen es. Vergessen wir nicht: Es geht nicht um Geschenke, sondern um Grundrechte.
Warum Hirschfeld weiter aktuell bleibt
In dem einen Fall geht es um Aufklärung der Mehrheitsgesellschaft, im anderen um Solidarität. In beiden taugt Hirschfeld als Wegweiser, denn so solidarisch und unterstützend er damals in die Community hineinwirkte, so wichtig waren ihm politische Lobbyarbeit und ebenjene in die Gesellschaft hineingetragene Aufklärung. Hirschfelds Haltung sollte die Grundlage der Forschungs- und Bildungsförderung der Bundesstiftung sein. Damit würde sie nicht nur dem Namensgeber Gerechtigkeit widerfahren lassen, sondern vermitteln, wie zukunftsweisend Hirschfelds Arbeit konzipiert war.Ich hatte von Hirschfelds neuem Denkansatz gesprochen, der der freien Entfaltung der Persönlichkeit Vorrang vor der Pathologisierung einräumte. Sein Naturbegriff enthält die Diversität als Prinzip, weshalb er wenig bis nichts mit biologistischen Vorstellungen von Geschlecht anfangen konnte. Was freilich nicht als Einspruch gegen die reproduktive Biologie oder als Leugnung von anatomischen Fakten misszuverstehen ist. Was ja gerne behauptet wird.
Auch wenn wir heute ein Gesetz haben, das uns die geschlechtliche Selbstbestimmung ermöglicht, so bleibt Hirschfelds Denkansatz weiter aktuell. Denn nach wie vor werden trans*Biografien in Krankheitsbefunde umgeschrieben. Auf jeden Fall zeigt sich mit Blick auf eine wachsende Trans- und Queerfeindlichkeit wie wichtig die Bildung als Aufklärungsarbeit sein wird. Für die Bundesstiftung sehe ich hier ein wichtiges Arbeitsfeld. Zu vermitteln wäre, weil das gern übersehen wird, dass Geschlechtsmündigkeit alle Menschen angeht und nicht nur die trans*Community. Sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung ist ein gesamtgesellschaftliches Projekt. Die Perspektive, die sich daraus für die Arbeit der Bundesstiftung ergibt, könnte in den Worten Hirschfelds darum so lauten (formuliert 1910): „Je tiefer wir in die unzähligen Erscheinungsformen der Natur eingedrungen sind, um so mehr Unvorhergesehenes wurde offenbar, um so häufiger haben wir umlernen müssen. Das ist unbequem und doppelt unangenehm, wenn es sich um Voraussetzungen handelt, die zu Fundamenten staatlicher und sittlicher, gesellschaftlicher und religiöser Ordnungen geworden sind.“
Redaktioneller Hinweis: Jeder Beitrag der Reihe “Perspektiven. Für die BMH der Zukunft” repräsentiert die Meinung und Ansichten der_des jeweiligen Autorin_Autors bzw. ihrer Organisation.
Vorschau
Nächste Woche lesen Sie hier von der Vision Maik Brückners (MdB und BMH-Kuratoriumsmitglied) von einem Community-Zentrum, das für alle offen ist – nicht nur für wenige. Wie er dies aus der Tradition Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft (1919-1933) herleitet und welche Rolle Brückner der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld in seiner Vision bemisst, lesen Sie auf unserer Webseite ab Do. 9. Juli 2026 – 9:00 Uhr.