Ein Gastbeitrag von Sophie Koch, Beauftragte der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt (Queerbeauftragte) zur neuen Reihe “Perspektiven. Für die BMH der Zukunft“.
Wie können queere Strukturen in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung und zunehmender Angriffe auf queere Menschen gesichert werden? Anstatt in dieser Situation Förderungen weiter in Frage zu stellen, fordert Sophie Koch das genaue Gegenteil: eine deutliche Ausweitung der Bundesförderung für queere Projekte. Die Queerbeauftragte der Bundesregierung liefert dazu konkrete Umsetzungsvorschläge – auch wie die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld dabei eine wichtigere Rolle spielen kann.
„Mehr Demokratie wagen“ – dieser Satz steht bis heute für den Anspruch, gesellschaftlichen Fortschritt politisch möglich zu machen. Fünfzehn Jahre nach Gründung der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld könnte ein ähnlicher Gedanke auch für die Queerpolitik leitend sein: Mehr Fördern wagen.
Denn die Frage ist längst nicht mehr nur, wie queeres Leben sichtbarer wird. Die Frage ist zunehmend, wie die Strukturen abgesichert werden können, die Sichtbarkeit, Beratung, Schutz und Teilhabe überhaupt erst ermöglichen.
Fünfzehn Jahre nach ihrer Gründung ist die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld fest etabliert. Sie steht für Forschung, für die Aufarbeitung queerer Geschichte und für Bildungsarbeit, die Wissen schafft und Perspektiven erweitert. Die Stiftung hat dazu beigetragen, queere Perspektiven sichtbarer zu machen, historische Leerstellen zu schließen und gesellschaftliche Debatten anzustoßen. Das ist ein Erfolg – und ein politisch gewollter.
Impuls für eine notwendige Debatte
Ein Jubiläum ist jedoch nicht nur Anlass zur Würdigung. Es ist auch ein geeigneter Moment für die Frage, ob die bestehenden Strukturen den aktuellen Herausforderungen noch ausreichend gerecht werden. Die folgenden Überlegungen verstehen sich ausdrücklich als Impuls für eine notwendige Debatte. Klar ist zugleich: Über grundlegende Veränderungen von Förderstrukturen entscheidet am Ende nicht die Stiftung selbst, sondern der Haushaltsgesetzgeber. Und selbstverständlich wären mit einer Weiterentwicklung bestehender Modelle auch praktische, rechtliche und politische Hürden verbunden. Gerade deshalb lohnt es sich, die Diskussion jetzt zu führen.
Denn die Rahmenbedingungen für queere Projekte haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Während queeres Leben sichtbarer geworden ist, erleben wir gleichzeitig eine zunehmende gesellschaftliche Polarisierung. Fortschritte werden infrage gestellt, Errungenschaften angegriffen und queere Menschen gezielt zum Gegenstand kultureller und politischer Auseinandersetzungen gemacht. Die Debatten sind rauer geworden – online wie offline.
Die Zahl queerfeindlicher Straftaten steigt seit Jahren. Beratungsstellen berichten von mehr Anfragen, Schulen von zunehmenden Konflikten, Projekte von wachsender Verunsicherung unter jungen queeren Menschen. Viele erleben, dass die gesellschaftliche Stimmung angespannter geworden ist. Sichtbarkeit hat zugenommen – aber ebenso der Gegenwind.
Wir haben in den vergangenen Jahren wichtige Strukturen aufgebaut. Die entscheidende Frage ist jetzt nicht mehr nur, wie wir queeres Leben sichtbarer machen, sondern wie wir diese Strukturen dauerhaft absichern.
Gerade deshalb sind Beratungs-, Bildungs- und Präventionsangebote heute wichtiger denn je. Gleichzeitig sind genau diese Strukturen oft besonders fragil.
Viele queere Projekte arbeiten mit wenigen hauptamtlichen Stellen, ergänzt durch enormes ehrenamtliches Engagement. Sie leisten Bildungsarbeit an Schulen, begleiten Coming-outs, organisieren psychosoziale Beratung, schaffen Schutzräume und ermöglichen Begegnung und Vernetzung.
Vor allem im ländlichen Raum sind solche Projekte häufig die einzigen sichtbaren und erreichbaren Anlaufstellen für queeres Leben. Fällt dort ein Angebot weg, verschwindet meist weit mehr als nur ein einzelnes Projekt. Es gehen Vertrauen, Sichtbarkeit und konkrete Unterstützung verloren.
Unsicherheit und Druck sind vielerorts prägend
Besonders sichtbar wird diese Unsicherheit derzeit im Zusammenhang mit dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“. Über dieses Programm sind in den vergangenen Jahren bundesweit wichtige Strukturen entstanden: Beratungsstellen, Bildungsinitiativen, Präventionsangebote und lokale Netzwerke. Vieles davon wurde über Jahre mit großem Engagement aufgebaut.
Doch vielerorts herrscht inzwischen Unsicherheit darüber, wie es weitergeht. Wenn Förderprogramme auslaufen oder neu zugeschnitten werden, trifft das insbesondere kleinere Träger hart. Ihnen fehlen häufig Rücklagen oder alternative Finanzierungsmöglichkeiten. Für manche bedeutet das im schlimmsten Fall das Ende ihrer Arbeit.
Die Folgen sind konkret: Eine Beratungsstelle muss schließen, ein Bildungsprojekt kann keine Workshops mehr anbieten, ein Jugendtreff verliert seine Koordinationsstelle oder ein regionales Netzwerk bricht auseinander, weil die Finanzierung der Zusammenarbeit wegfällt. Das sind keine abstrakten Szenarien. Vieles davon passiert bereits – oder steht unmittelbar bevor.
Mit jedem verlorenen Projekt verschwindet zudem Expertise. Es gehen gewachsene Vertrauensverhältnisse, lokale Erfahrungen und persönliche Netzwerke verloren, die sich nicht kurzfristig ersetzen lassen.
Genau darin zeigt sich ein grundlegendes strukturelles Problem: Queere Projekte werden in Deutschland überwiegend befristet und projektbezogen gefördert.
Das bedeutet begrenzte Laufzeiten, wechselnde Förderbedingungen und dauerhafte Unsicherheit. Viele Organisationen hangeln sich von Förderperiode zu Förderperiode. Langfristige Planung wird nahezu unmöglich. Personal kann häufig nur befristet eingestellt werden, Fachkräfte wechseln, Know-how geht verloren. Statt nachhaltiger Entwicklung entsteht permanenter Druck, bestehende Arbeit immer wieder neu absichern und legitimieren zu müssen.
Dabei sprechen wir nicht über riesige Summen. Die Bundesförderung für queere Projekte ist im Verhältnis zu vielen anderen gesellschaftspolitischen Bereichen überschaubar. Über „Demokratie leben!“ fließen derzeit beispielsweise rund 3,7 Millionen Euro jährlich in queere Projekte und Verbände – bei einem Gesamtprogrammvolumen von rund 200 Millionen Euro. Die Wirkung dieser Mittel ist jedoch erheblich. Mit vergleichsweise geringen Summen entstehen Strukturen, die für viele Menschen entscheidend sind. Es geht dabei nicht um Zusatzangebote, sondern um Beratung, Prävention, Bildungsarbeit und gesellschaftliche Teilhabe – kurz: um demokratische Infrastruktur.
Queere Projekte sind kein gesellschaftlicher Luxus. Sie sind demokratische Infrastruktur – gerade dort, wo Menschen Schutz, Beratung und Sichtbarkeit brauchen.
Vor diesem Hintergrund könnte die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld perspektivisch eine noch stärkere Rolle einnehmen. Die Stiftung hat sich in den vergangenen fünfzehn Jahren als verlässliche Institution etabliert. Ihre Arbeit in Forschung, Bildung und Erinnerungspolitik ist anerkannt, ihre Expertise unbestritten. Sie steht für Kontinuität – und genau daran fehlt es vielen queeren Projekten heute.
Deshalb stellt sich die Frage, ob ihr Auftrag langfristig weiterentwickelt werden sollte. Die zentrale Herausforderung liegt inzwischen nicht mehr allein im Erkenntnisgewinn, sondern zunehmend in der Sicherung und Stärkung bestehender Strukturen. Es geht darum, das, was über Jahre aufgebaut wurde, dauerhaft tragfähig zu machen.
Wie es besser weiter gehen kann
Ein Ansatz könnte sein, Bundesförderung für queere Projekte perspektivisch stärker unter dem Dach der Stiftung zu bündeln oder institutionell enger mit ihr zu verzahnen. Ein solcher Schritt setzt selbstverständlich umfangreiche politische Entscheidungen voraus und wäre mit organisatorischen sowie haushaltsrechtlichen Fragen verbunden.
Über „Demokratie leben!“ werden 2026 queere Projekte und Verbände mit rund 3,7 Millionen Euro gefördert – eine Summe, die angesichts der bestehenden Bedarfe offenkundig nicht auskömmlich ist. Hinzu kommen weitere Förderungen aus unterschiedlichen Bundesministerien.
Sechs bis acht Millionen Euro im Jahr – das ist aus meiner Sicht ein sinnvoller Ausgangspunkt für die Debatte für eine gebündelte Bundesförderung queerer Projekte
Bislang fördert die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld Projekte in einer Größenordnung von rund 60.000 Euro pro Jahr. Ein deutlich größerer Förderauftrag wäre deshalb selbstverständlich ein erheblicher Aufwuchs, der politisch gewollt und finanziell abgesichert werden müsste. Denkbar wäre etwa eine Kombination aus einer Aufstockung des Stiftungsvermögens und zusätzlichen Zuschüssen aus dem Bundeshaushalt. Gleichzeitig würden bestehende Förderstrukturen nicht einfach zusätzlich aufgebaut, sondern teilweise auch neu gebündelt oder umgeschichtet werden müssen.
Das ist also keineswegs kurzfristig oder einfach umzusetzen. Dennoch könnte eine solche Perspektive helfen, mehrere zentrale Probleme gleichzeitig anzugehen.
Förderung könnte stärker an fachlicher Expertise ausgerichtet werden. Queere Projekte bekämen mehr Sichtbarkeit und möglicherweise stabilere Rahmenbedingungen. Statt kurzfristiger Projektlogiken könnten längerfristige Perspektiven entstehen. Organisationen könnten verlässlicher planen, Personal halten und Angebote nachhaltiger absichern. Auch institutionelle Förderformen – also dauerhafte Unterstützung zentraler Strukturen – könnten stärker in den Blick genommen werden.
Verlässlich fördern, Strukturen sichern
Eine solche Weiterentwicklung wäre nicht nur organisatorisch relevant, sondern hätte auch eine politische Signalwirkung. Denn die Frage, wie queere Projekte finanziert werden, ist immer auch eine Frage gesellschaftlicher Prioritäten. Solange zentrale Strukturen fast ausschließlich von kurzfristigen Förderentscheidungen abhängen, bleibt ihre Existenz prekär.
Mehr Stabilität wäre deshalb mehr als eine verwaltungstechnische Frage. Sie wäre Ausdruck politischer Verlässlichkeit gegenüber queeren Menschen und denjenigen, die tagtäglich diese wichtige Arbeit leisten.
Dabei geht es ausdrücklich nicht um unbegrenztes Wachstum oder neue Bürokratien. Es geht darum, vorhandene Mittel nachhaltiger, verlässlicher und wirksamer einzusetzen. Denn die Alternative ist sichtbar: unsichere Finanzierung, gefährdete Projekte und verlorene Strukturen.
Die Bedeutung queerer Projekte reicht dabei weit über die Community hinaus. Sie leisten einen wichtigen Beitrag für unsere demokratische Gesellschaft insgesamt. Sie wirken gegen Diskriminierung und Gewalt, schaffen Räume für Begegnung und stärken zivilgesellschaftlichen Zusammenhalt. Gerade dort, wo Vielfalt unter Druck gerät, sind sie unverzichtbar.
Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld hat gezeigt, welche Kraft in verlässlicher queerpolitischer Arbeit steckt. Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt, den nächsten Schritt zu diskutieren: nicht nur Wissen zu sichern, sondern auch Strukturen zu stärken.
15 Jahre Bundesstiftung Magnus Hirschfeld sind deshalb nicht nur ein Anlass zur Anerkennung. Sie sind auch ein guter Zeitpunkt, um über die Zukunft queerer Infrastruktur nachzudenken.
Die Stiftung hat in den vergangenen Jahren gezeigt, was sie leisten kann. Jetzt beginnt die Debatte darüber, welche Rolle sie künftig zusätzlich übernehmen könnte.
Das wäre kein Bruch mit ihrem bisherigen Auftrag. Es wäre seine konsequente Weiterentwicklung.
Als Queerbeauftragte der Bundesregierung möchte ich diese Debatte aktiv führen – gemeinsam mit der Regierung, dem Haushaltsgesetzgeber, der Community, mit Trägern, Wissenschaft und selbstverständlich auch mit der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld selbst.
Redaktioneller Hinweis: Jeder Beitrag der Reihe “Perspektiven. Für die BMH der Zukunft” repräsentiert die Meinung und Ansichten der_des jeweiligen Autorin_Autors bzw. ihrer Organisation.
Vorschau
Der zweite Text der Reihe nächste Woche schließt thematisch an den Beitrag von Sophie Koch an: Juliane Rosin vom Lesben*Ring e.V. wirft ein Schlaglicht auf einen bislang vernachlässigten Aspekt in der Förderung queerer Projekte: Die Care- und Sorgearbeit, die politische Fortschritte überhaupt erst möglich macht.