Ein Beitrag von Helmut Metzner, geschäftsführender Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, für unsere Textreihe “Perspektiven. Für die BMH der Zukunft”.
Vom Erinnern und Bewahren über das Vermitteln und Vernetzen bis hin zu den Herausforderungen der kommenden Jahre: Zum Abschluss der Reihe richtet Helmut Metzner, Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, den Blick nach vorn. Entstanden ist ein Beitrag, der Vision und Wirklichkeit zusammendenkt und danach fragt, wie sich das Wünschenswerte in Machbares übersetzen lässt. Lesen Sie hier außerdem, welche nächsten Schritte die BMH in Richtung Zukunft gehen wird.
Mit ihren Perspektiven auf aktuelle und zukünftige Herausforderungen für die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (BMH) haben sich in unserer Online-Reihe Menschen dezidiert zu Wort gemeldet, die sich in unseren Stiftungsgremien und im Umfeld der BMH für unsere Arbeit und Belange engagieren. Es ist ihnen dabei gelungen, spannende Visionen und Reflexionen zu liefern, die über das Alltagsgeschäft zum Teil weit hinausgehen. Als Vorstand dieser Bundesstiftung möchte ich nun zum Abschluss dieser Reihe versuchen, aufzuzeigen, wie uns als Bundesstiftung manch Wünschenswertes als Richtschnur bei der Umsetzung des Machbaren dienen kann.
Zunächst gestatten Sie mir einen kurzen Blick zurück: Die Stiftung verdankt ihre Errichtung am 27. Oktober 2011 dem erklärten politischen Willen, einen Beitrag zur kollektiven Wiedergutmachung für queere Infrastruktur zu leisten, die im Nationalsozialismus vernichtet und im geteilten Deutschland nicht wieder aufgebaut worden ist.
Die Bundesstiftung trägt den Namen Magnus Hirschfeld. Als Arzt, Aufklärer, Avantgardist, als Repräsentant und Exponent der ersten queeren Emanzipationsbewegung steht er in besonderer Weise für die Erarbeitung von Grundlagenwissen und dessen Vermittlung an ein breiteres Publikum weit über humanwissenschaftliche Fachkreise hinaus.
Hirschfelds Werk als Auftrag für die Gegenwart
Die BMH erinnert an sein Erbe und versteht es gleichzeitig als Auftrag und Verpflichtung zum Handeln in Verantwortung zum Schutz menschlicher Individualität. Die Emanzipationsgeschichte erreicht gesellschaftlichen Fortschritt im Bewusstsein, dass Vielfalt sowohl Realität als auch Qualität einer pluralistischen Gesellschaft ist.
Hirschfelds Pionierleistung bei der Schaffung und Vermittlung von Wissen über Vielfalt gilt aufgeklärten Kräften in aller Welt als vorbildlich. Das sehen wir heute auch am wachsenden Interesse für die Arbeit der Bundesstiftung in unserem Wirkungsbereich, der Bundesrepublik, aber auch auf internationaler Ebene. Besuchergruppen aus Europa, Asien und Amerika informieren sich über unsere Aktivitäten. Forschende insbesondere aus dem deutschsprachigen Raum greifen auf die lebensgeschichtlichen Interviews unseres ‚Archivs der anderen Erinnerungen‘ zu, die wir ab dem 27. Oktober 2026 auch online verfügbar machen. Unsere Wanderausstellung „gefährdet leben“ erfreut sich auch drei Jahre nach ihrem Start im Deutschen Bundestag weiter wachsender Aufmerksamkeit. Organisationen aus Nachbarländern fragen nach Kooperation, um unsere Inhalte auch über die Grenzen der Bundesrepublik zu verbreiten.
Die BMH wirkt seit ihrer Errichtung stets über Berlin hinaus, wo unsere Geschäftsstelle ihren Sitz hat. Moderne Möglichkeiten der Kommunikation erleichtern uns heute, die Arbeit im Sinne Hirschfelds breitere Aufmerksamkeit zu verschaffen. Jüngere populärwissenschaftliche und massenmediale Umsetzungen wie der Netflix-Beitrag „Eldorado – Alles was die Nazis hassten“ oder die letzte Staffel der Erfolgsserie Babylon-Berlin, begünstigen unsere Vermittlungsarbeit. Gleichzeitig wachsen auch die Erwartungen an uns, denen wir gerecht werden wollen und müssen, ohne unsere Rahmenbedingungen zu ignorieren.
In die Breite wirken
Der Hebel zum Erfolg liegt in der Kooperation, sowohl auf Länder- als auch auf Bundesebene – und darüber hinaus. Wenngleich wir an anderen Orten der Welt wie beispielsweise in Melbourne, Australien oder in Tel Aviv, Israel, sehen, wie Pride Center ein Dach für die Selbstorganisation, Sichtbarkeit, Forschung und Vermittlung von Wissen über queere Lebenswelten und des Wissens darüber dienen können, wissen wir, dass wir in Deutschland dezentrale, örtlich und zeitlich ungebundene Angebote brauchen, um den Wissensschatz über menschliche Vielfalt wertschätzend im ganzen Land zu verbreiten.
Natürlich freuen wir uns, wenn Kommunen wie Berlin, Hamburg, Köln und München Communitys Anlaufpunkte zum Beispiel zur Beratung in Präsenz bieten. Sie bleiben erst recht in Zeiten zunehmender Angriffe auf queere Lebenswirklichkeiten wichtig. Die gegenwärtigen materiellen Voraussetzungen der Bundesstiftung können hier keine Infrastruktur aus Beton, Glas und Stahl bieten. Unser Angebot vermittelt sich dezentral mit unserer Wanderausstellung, verstärkt auch virtuell mit dem, was wir online über unseren Internetauftritt, zukünftig stärker als virtuelle Akademie gedacht, präsentieren können. Ziel dessen ist und bleibt, queeres Wissen sowie das Verständnis und damit letztlich Anerkennung und Respekt für Vielfalt zu stärken.
Die BMH als Vermittler_in
Die Bundesstiftung kann, will und muss sich künftig noch mehr auch als Vermittlerin von queerer Kompetenz als Knowledge-Broker profilieren. Ein Mechanismus dazu wird die stärkere Vernetzung von queeren Menschen im Wissenschaftsbetrieb sein, die insbesondere in den Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften, aber auch darüber hinaus, arbeiten, forschen und lehren. Die Bundesstiftung hat dazu in einer Befragung unter Wissenschaftsorganisationen festgestellt, dass die Selbstorganisation queerer Menschen in Forschung und Lehre eine Leerstelle bleibt, während sich dies insbesondere im englischsprachigen Ausland längst im akademischen Alltag etabliert hat.
Alles, was wir in Deutschland über queeres Leben in Deutschland wissen, musste sich im wissenschaftlichen Raum mühsam Respekt verschaffen. Hier hat sich seit Hirschfelds Zeiten in der Weimarer Republik, die ihm die Eingliederung seines Privatinstituts oder auch nur eine Anerkennung im Universitätsbetrieb verwehrt hat, inzwischen natürlich einiges getan. Fehlende Sichtbarkeit und fakultätsübergreifende Solidarität im akademischen Betrieb bleiben aber auch heute eine Herausforderung. Sie wären jedoch gerade vor dem Hintergrund wachsender Wissenschaftsskepsis und zunehmenden Vorurteilen gegenüber der Realität gesellschaftlicher Vielfalt hilfreich.
Über die Früchte der Erkenntnis
Nur eine freie Wissenschaft kann stetig weitere Früchte der Erkenntnis über die Komplexität menschlichen Daseins ernten. Die Bundesstiftung will deshalb Vertreter_innen des Wissenschaftsbetriebs die Forschung zur Heterogenität queerer Lebenswelten sowie geschlechtlicher und sexueller Identitäten ermöglichen, diese unterstützen und ihre Ergebnisse verbreiten helfen. Wir möchten dabei auch die Erkenntnisse der Demoskopie-, der Meinungs- und Werthaltungsforschung nutzen, um die Interessen unserer engeren und weiteren Anspruchs- und Zielgruppen besser zu verstehen. Dabei sind auch die Fokussierung und die Einbindung des sozialen Umfelds queerer Menschen, deren Familien- und Wahlverwandtschaften, mehr Aufmerksamkeit wert.
Queere Menschen, so sehr sie in der Öffentlichkeit unsichtbar, angefeindet und angegriffen und ausgeschaltet werden, gehören in die Mitte unserer Gesellschaft – als selbstverständliche Glieder und respektierte Rechtssubjekte in der offenen Gesellschaft der Moderne. Sie und alle, die den Wert gelebter Vielfalt für unserer Gesellschaft als Ganzes schätzen, sind wichtige Verbündete für den Schutz unserer Verfassungsordnung.
Und Konkret heißt das…
Das deutlich zu machen, wird unsere Aufgabe sein, wenn wir die historischen Erinnerungsdaten, die uns als Nächstes in den Jahren 2027 und 2028 bevorstehen, als Gesprächsanlässe nutzen, um den langen Weg von der Repression zum Respekt für queere Menschen nachzuzeichnen, und damit für die Wertschätzung dessen zu werben, was es zu erhalten und zu verteidigen gilt.
2027 jähren sich die Ehe für alle und die Rehabilitierung der nach 1945 gemäß § 175 Strafgesetzbuch der Bundesrepublik bzw. § 151 StGB-DDR Verfolgten zum zehnten Mal. 130 Jahre zurück liegt hingegen nächstes Jahr schon die Gründung des Wissenschaftlich-humanitären Komitees von Magnus Hirschfeld im Jahr 1897.
2028 blicken wir auf den 160. Geburtstag von Magnus Hirschfeld. Wir wollen uns aber nicht auf nostalgische Rückschau beschränken, sondern sehen auch auf die offenen Baustellen, die Recht und Gesellschaft, Politik und Medizin weiterhin aufweisen: im Grundgesetz, beim Abstammungsrecht, bei der Versorgung von trans* und intergeschlechtlichen Menschen ebenso wie bei den vernachlässigten Belangen und Mehrfachdiskriminierungen queerer Geflüchteter und Menschen mit Behinderungen.
Wir haben viel vor – schließlich ist noch viel zu tun. Es gilt das breite Delta zu schließen – zwischen dem, was wir uns zurecht anlässlich unseres 15. Geburtstags wünschen und dem Machbaren, das wir zu leisten in der Lage sind. Wir verdanken unsere Arbeit einer ebenso verantwortungs- wie vielfaltsbewussten Politik. Sie wird entscheiden müssen, welche wünschenswerten Aufgaben wir darüber hinaus in Zukunft erfüllen sollen und auch können.
Redaktioneller Hinweis: Jeder Beitrag der Reihe “Perspektiven. Für die BMH der Zukunft” repräsentiert die Meinung und Ansichten der_des jeweiligen Autorin_Autors bzw. ihrer Organisation.
Mit dem heutigen Beitrag findet unsere Online-Textreihe ihren Abschluss. Einen Überblick über alle Beiträge finden Sie auf der Startseite zum Projekt.