Ein Gastbeitrag von Falko Droßmann, MdB und Mitglied im Kuratorium der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld für unsere Textreihe “Perspektiven. Für die BMH der Zukunft”.
Was braucht es heute, damit gesellschaftlicher Fortschritt Bestand hat, wenn demokratische Errungenschaften zunehmend unter Druck geraten? Falko Droßmann plädiert ausgehend von seiner eigenen Biografie leidenschaftlich für mehr Zusammenhalt und Solidarität innerhalb der queeren Communitys. Welche Rolle er dabei der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld zuschreibt, lesen Sie in seinem engagierten wie persönlichen Beitrag, der zum Weiterdenken einlädt.
Die Geschichte queerer Emanzipation in Deutschland ist auch eine Erfolgsgeschichte. Über Jahrzehnte hinweg haben mutige Aktivist*innen, Bürgerrechtsbewegungen und politische Bündnisse erkämpft, was heute viele junge Menschen beinahe als selbstverständlich wahrnehmen. Dazu gehören die Abschaffung des §175, die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, schließlich die Öffnung der Ehe, ein wachsendes gesellschaftliches Bewusstsein für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt und in der jüngeren Vergangenheit das Selbstbestimmungsgesetz. All das sind historische Fortschritte, auf die wir stolz sein dürfen.
Fünfzehn Jahre nach ihrer Gründung blickt auch die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld bereits auf eine beeindruckende Entwicklung zurück. Sie ist Ausdruck des gesellschaftlichen Fortschritts, der noch wenige Jahrzehnte zuvor kaum vorstellbar schien: Ein demokratischer Staat übernimmt Verantwortung für die Aufarbeitung jahrzehntelanger Diskriminierung queerer Menschen, macht ihre Geschichte sichtbar und schafft institutionelle Räume für Aufklärung, Erinnerung und gesellschaftspolitische Debatten.
Als ich gefragt wurde, ob ich zum 15-jährigen Bestehen der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld einen Beitrag schreiben möchte, musste ich zunächst an etwas denken, das für viele Menschen meiner Generation fast selbstverständlich geworden ist, obwohl es historisch betrachtet alles andere als selbstverständlich ist: Als schwuler Mann kann ich heute in Deutschland offen leben. Während noch vor wenigen Jahrzehnten Männer wie ich strafrechtlich verfolgt, durch den Staat gedemütigt, kriminalisiert und gesellschaftlich isoliert wurden, kann ich heute als homosexueller Mann politische Verantwortung übernehmen, öffentlich über meine Identität sprechen und mein Leben frei gestalten. Das ist keine historische Selbstverständlichkeit. Es ist das Ergebnis jahrzehntelanger Kämpfe.
Der Blick nach vorn
Aber dieses Jubiläum lädt nicht nur zum Rückblick ein. In Zeiten eines Rechtsrucks in vielen Teilen der Welt verlangt es ganz besonders auch den Blick nach vorne. Fortschritt führt manchmal zu der Annahme, die Geschichte entwickle sich zwangsläufig in Richtung Freiheit und Gleichberechtigung, als erreichten wir irgendwann einen Punkt, an dem die Errungenschaften queerer Kämpfe unumkehrbar würden. Ein Blick in viele Demokratien weltweit zeigt jedoch genau das Gegenteil.
Wir erleben weltweit und auch in Deutschland das Erstarken politischer Kräfte, die gesellschaftliche Vielfalt nicht als Ausdruck von Freiheit verstehen, sondern als Bedrohung. Rechtsextreme und populistische Akteur*innen führen einen Kulturkampf, der sich gegen feministische Errungenschaften, gegen Einwanderungsgesellschaften, andere marginalisierte Gruppen und generell gegen die liberale Demokratie richtet. Und zunehmend ganz gezielt wieder gegen queere Menschen.
Während sich in den Reihen der Rechtsextremen auch homosexuelle Personen wiederfinden und dort vermeintliche Akzeptanz erfahren, werden Angriffe auf die queere Community heute besonders häufig gegen trans* und nicht-binäre Menschen ausgeführt.
Die Angriffe betreffen uns alle
Wer genau hinsieht, erkennt darin ein politisches Muster. Die Debatte dreht sich nie allein um geschlechtliche Selbstbestimmung. Vielmehr werden trans* und nicht-binäre Menschen gezielt zum Symbol eines größeren gesellschaftlichen Konflikts gemacht. Im Kern geht es dabei geht es um die grundsätzliche Zurückweisung einer offenen Gesellschaft. Autoritäre Vorstellungen von Identität, Geschlecht und gesellschaftlicher Ordnung werden darin verteidigt. Diesen Zusammenhang dürfen wir als Gesellschaft nicht verkennen.
Denn wer glaubt, Angriffe auf trans* und nicht-binäre Menschen gingen nur einen kleinen Teil unserer Community etwas an, verkennt die Geschichte queerer Emanzipation insgesamt und unterliegt einem fatalen Trugschluss. Denn der Kulturkampf hört hier nicht auf. Er nimmt mit der Hetze gegen trans* und nicht-binäre Menschen nur seinen Anfang und wird vor homosexuellen Menschen, Frauen*, weiteren marginalisierten Gruppen nicht haltmachen, sondern unsere offene und demokratische Gesellschaft als Ganzes angreifen.
Nicht abgeschlossen: Der politische Kampf für gleiche Rechte
Gerade deshalb möchte ich an diejenigen appellieren, die innerhalb unserer Community heute vergleichsweise privilegierte Positionen erreicht haben. Damit meine ich ausdrücklich auch schwule cis Männer wie mich. Wir dürfen nicht glauben, der politische Kampf um gleiche Rechte sei abgeschlossen, nur weil wir in großen Teilen der Gesellschaft Akzeptanz erfahren.
Es muss uns klar sein: Politische und gesellschaftliche Rechte, die wir heute genießen, wurden über Jahrzehnte hinweg immer wieder infrage gestellt. Auch homosexuelle Männer galten über Generationen hinweg als gesellschaftliche Gefahr, als moralische Bedrohung oder als Menschen, deren Existenz unsichtbar bleiben sollte.
Wer meint, die Rechte von trans* oder nicht-binären Menschen seien ein Randthema oder gingen die eigene Lebensrealität nichts an, schwächt letztlich die Grundlagen jener Solidarität, auf denen die Freiheit aller queeren Menschen beruht und von denen besonders auch homosexuelle Männer in den letzten Jahrzehnten profitiert haben.
Queere Politik war niemals erfolgreich, weil einzelne Gruppen nur für sich selbst gekämpft haben. Sie war erfolgreich, weil Menschen verstanden haben, dass Freiheit unteilbar ist.
Als Mitglied der queeren Community und als queerpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion setze ich mich im Deutschen Bundestag für gesetzliche Reformen ein, die dringend notwendig sind, um die Zukunft queerer Gleichberechtigung aktiv weiter zu gestalten. Noch bedeutender ist jedoch die Frage, ob wir als Gesellschaft in der Lage bleiben, demokratische Werte zu verteidigen: Menschenwürde, Gleichberechtigung, Vielfalt und das Recht jedes Menschen, frei und ohne Angst leben zu können.
Mehr als Erinnern: Was die BMH in Zukunft leisten soll
Hier kommt neben der Politik auch der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld weiterhin eine zentrale Rolle zu. In meinen Augen geht es künftig nicht allein darum, dass ihre erfolgreiche Arbeit fortgeführt wird. Spannend wird besonders, wie sie sich in einer gesellschaftlichen Situation positionieren kann, in der demokratische Errungenschaften wieder offensiv infrage gestellt werden. Ein „Ort gesellschaftlicher Orientierung, politischer Bildung und demokratischer Resilienz“ darf kein abstrakter Anspruch bleiben. Er muss im Alltag sichtbar und erfahrbar werden.
Ein wichtiger Ansatz ist für mich dabei die Verbindung von Erinnerung und Gegenwart. Die Wanderausstellung „gefährdet leben“ hat eindrücklich gezeigt, welche Kraft darin liegt, queere Geschichte nicht nur an einem festen Ort zu bewahren, sondern sie dorthin zu bringen, wo Menschen leben, arbeiten und miteinander diskutieren. Die Station der Ausstellung in Hamburg, die ich 2024 selbst unterstützen durfte, hat mir noch einmal vor Augen geführt, wie wichtig solche niedrigschwelligen Angebote sind. Sie machen Geschichte greifbar und zeigen zugleich, dass Diskriminierung und Ausgrenzung keine abstrakten Phänomene der Vergangenheit sind. Die Stiftung sollte diesen Ansatz weiter ausbauen: mit mobilen Bildungsangeboten, Ausstellungen und Veranstaltungen, die insbesondere auch Schulen, Kommunen, Vereine und Regionen erreichen, in denen queere Themen unter wachsendem politischen Druck stehen.
Gleichzeitig muss die Stiftung ein Ort sein, an dem wir aktuelle politische Debatten einordnen können. Dazu gehören die wissenschaftliche Begleitung und kontroverse, demokratische Diskussionen. So können wir Desinformation und queerfeindlichen Narrativen etwas entgegensetzen. Gerade junge Menschen brauchen Orte, an denen sie lernen können, historische Zusammenhänge zu verstehen, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten und demokratische Werte selbstbewusst zu vertreten. Die Stiftung kann hier eine wichtige Schnittstelle zwischen Wissenschaft, politischer Bildung, Zivilgesellschaft und Politik bilden.
Mehr als bisher: Wie die BMH ihrem Stellenwert gerecht werden kann
Dafür braucht es allerdings auch entsprechende Ressourcen. Wer von einer Institution erwartet, dass sie Erinnerung bewahrt, Forschung ermöglicht, Bildungsarbeit leistet, gesellschaftliche Debatten anstößt und auf neue Formen von Diskriminierung reagieren kann, muss ihr dafür auch die notwendigen Mittel zur Verfügung stellen. Als Mitglied des Deutschen Bundestages sehe ich deshalb auch die politische Verantwortung: Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld muss so ausgestattet sein, dass sie ihren Auftrag nicht nur verwalten, sondern ihn aktiv weiterentwickeln kann. Gerade in Zeiten eines gesellschaftlichen Rechtsrucks wäre es das falsche Signal, bei politischer Bildung, Erinnerungsarbeit und demokratischer Prävention zu sparen. Auch wenn wir dies leider bereits an vielen Stellen erleben.
Die kommenden Jahre werden also auch zeigen, welchen Stellenwert wir der Arbeit der Stiftung tatsächlich beimessen. Für mich ist klar: Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld sollte nicht nur ein Ort sein, an dem wir uns daran erinnern, wie hart queere Menschen für ihre Freiheit kämpfen mussten. Sie sollte ein Ort sein, an dem Menschen lernen, warum diese Freiheit geschützt werden muss, an dem sie Widerspruch gegen Ausgrenzung organisieren können und an dem demokratische Solidarität immer wieder neu entsteht. Erinnerung muss dabei zum Auftrag für die Gegenwart werden. Nur wenn wir aus der Geschichte Handlungsfähigkeit gewinnen, können wir verhindern, dass erkämpfter Fortschritt irgendwann wieder verloren geht.
Redaktioneller Hinweis: Jeder Beitrag der Reihe “Perspektiven. Für die BMH der Zukunft” repräsentiert die Meinung und Ansichten der_des jeweiligen Autorin_Autors bzw. ihrer Organisation.
Im Kuratorium der Bundesstiftung sind 4 Bundestagsfraktionen vertreten. Im Laufe der Reihe haben Vertreter_innen von allen vertretenen Fraktionen einen Beitrag beigesteuert.
Vorschau
Nächste Woche veröffentlichen wir hier die Perspektive von Annette Güldenring, Vorsitzende des Fachbeirats der Bundesstiftung für die Zukunft der BMH: Güldenring geht in ihrem persönlichen wie philosophischen Text der Frage nach, was wir sehen, wenn wir auf Geschlecht blicken und was dabei oft unsichtbar bleibt. Darin würdigt die Autorin auch die Vorkämpfer Karl Heinrich Ulrichs und Magnus Hirschfeld. Welche Verantwortung der Bundesstiftung ihrer Analyse gemäß zukommt, das lesen Sie hier online ab Do. 8. Oktober 2026, 9:00 Uhr.