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Ein Gastbeitrag von Jan Feddersen und Dr. Almut Schneider, von der Inititative Queer Nations, für unsere Textreihe “Perspektiven. Für die BMH der Zukunft”.

Was wissen wir eigentlich über die Wünsche, Lebensentwürfe und Alltagserfahrungen lesbischer, schwuler und trans* Menschen? Von dieser Frage aus entwickeln Jan Feddersen und Almut Schneider ihre Überlegungen zur Zukunft der BMH. Sie werben für eine stärkere Ausrichtung auf empirische Wissensproduktion zu den Lebensrealitäten derer, in deren Namen häufig gesprochen wird. Ein pointierter Beitrag über die Rolle der Stiftung zwischen Forschung, Förderpraxis und gesellschaftspolitischen Erwartungen.

Textgrafik mit farbigem Hintergrund. Text:

15 Jahre Bundesstiftung Magnus Hirschfeld – und ihre weitere Zukunft: mehr aktivismus-unabhängige Wissensproduktion mit einem Blick auf jene, um die es geht. Denn das wissen wir nicht: Was wollen lesbische Frauen, schwule Männer und trans Personen überhaupt?

Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, deren Existenz wesentlich auf Impulse der Initiative Queer Nations (kurz: IQN) seit 2005 zurückgeht, kam 2011 mit der Idee zur Welt, dass sie vornehmlich ein Ziel verfolgen soll: Wissen und Wissenschaft rund um Themen der schwulen, lesbischen, trans und queeren Lebensweisen nicht nur zu fördern, sondern sie auch erkennbar zu machen, zu dokumentieren und langfristig öffentlich zugänglich zu machen.


Wesentlich hat die BMH Wissenslücken zu ihren Themen füllen wollen und oft auch können. In einzelnen Bereichen gelang dies auch nachweislich, etwa mit den Arbeiten zu den Diskriminierungen lesbischer Mütter in Scheidungs- und Sorgerechtsverfahren in der Bundesrepublik der sechziger bis neunziger Jahre, auch zu den Opfern des vom nationalsozialistischen Deutschland entgrenzten Paragraphen 175, der bis 1969 Geltung hatte. Weniger bei den von der BMH angeschobenen Fußballprojekten, die vornehmlich kategorial unbestimmt blieben, wesentlich aber die Kenntnisstände zum Thema selbst verfehlten. So oder so: Auffällig bleibt, dass bislang kaum systematisch bilanziert worden ist, wo Lücken geschlossen wurden und wo weiterhin Desiderate bestehen.


Darüber hinaus war die BMH, unserer Beobachtung nach, in erheblichem Umfang mit dem Auffangen und der nachträglichen Förderung von Projekten beschäftigt, die aus aktivistischen Kontexten heraus entstanden und andernorts, etwa in den Bundesländern oder aus kommunalen Kontexten heraus, nicht finanziert wurden – eine Entwicklung, die den ursprünglichen, stärker wissenschaftlich orientierten Auftrag allmählich in Richtung Reparaturbetrieb verschob und weiter verschiebt (und auf Förderlücken im föderalen System antwortet).


Wir plädieren für die Reduzierung solcher politischer Notfinanzierungen – weil die BMH anderenfalls nicht dazu kommt, sich auf ihre eigentlichen Aufgaben zu fokussieren und sie damit gleichzeitig Kapazitäten gewinnt, sich stärker auf ihre Kernaufgaben zu konzentrieren. Nämlich die systematische Förderung empirisch fundierter Forschung, die Dokumentation und Archivierung von Wissensbeständen sowie die Initiierung wissenschaftlicher Kooperationen, die über projektbezogene Einzelförderung hinausgehen.


Die alltägliche Praxis bislang führte zu einer thematischen Schwerpunktsetzung, die von manchen als einseitig zugunsten queerfeministischer Perspektiven wahrgenommen wird. Hier wäre genauer zu prüfen, inwiefern diese Fokussierung aus Förderrichtlinien, politischen Erwartungen oder internen Priorisierungen resultiert. Ausweislich zahlreicher Förderrichtlinien in Bund und Ländern ist eine Berücksichtigung von trans- und intergeschlechtlichen Perspektiven häufig Voraussetzung für Förderung. Dies kann dazu führen, dass bestimmte Themenfelder – etwa klassische schwule oder lesbische Lebensrealitäten – tendenziell weniger Aufmerksamkeit erhalten, was nicht immer explizit thematisiert wird. Mithin ist auch die BMH als Akteurin immer Teil der ideologischen Debatten innerhalb der queeren Szene (hier: sammelsurisch verstanden, nicht im Sinne queerer Theoreme) und agiert nicht allein als Förderinstitution, sondern als Produzentin dessen, was überhaupt als relevantes Wissen gilt. Gerade darin liegt für uns das Problem: Die Fragen, die gestellt werden, stehen oft schon unter normativer Vorentscheidung.


Naheliegender – und bislang erstaunlich selten verfolgt – wäre eine andere Perspektive: Was wollen die Menschen eigentlich, über die bzw. in deren Namen hier gesprochen wird? Welche Lebensentwürfe, welche Formen von Normalität, welche Grade an Differenz oder Integration werden tatsächlich angestrebt? Die Möglichkeit, dass viele dieser Lebensentwürfe weniger spektakulär, weniger konflikthaft und schlicht „gewöhnlicher“ sein könnten als es die Diskurse nahelegen, wird kaum systematisch untersucht.


Dabei wäre generell eine andere Fragestellung von Interesse: Was wollen Homosexuelle, was wollen trans Personen? Was wünschen sie sich (gesellschaftlich, staatlich) in und für ihr Privatleben? Hierzu gibt es bislang kaum belastbare Untersuchungen. Das epistemische System würde möglicherweise von den Köpfen auf stabile Füße gestellt werden (oder: eine stärker bedarfsorientierte Forschungsperspektive könnte das Feld auf eine neue Grundlage stellen). Aktivistische Perspektiven sowie die sie begleitende Publizistik berücksichtigen unseren Eindrücken zufolge nicht hinreichend, dass – so unsere These – Lesben und Schwule und trans Menschen (als Erwachsene) in vielen Bereichen viel ‚normaler‘ leben (wollen), als dies die Normativität etwa durch die Medienproduktion während der CSD- und Pride-Paraden nahelegt. Zugespitzt gefragt: Wollen schwule Männer, lesbische Frauen und trans Menschen womöglich ebenso ‚normal‘ leben wie alle anderen auch? Womöglich ein selbstbestimmtes, verlässliches und in seiner Alltäglichkeit nicht dauernd erklärungsbedürftiges Leben führen?


Untersuchungen, die dies ermittelt haben, hat Hans-Georg Buba, Soziologie-Emeritus an der Universität Bamberg (1997) angestellt. Anhaltspunkte für die Lebensrealitäten und Wünsche männlicher Homosexueller finden sich zudem in der Untersuchung Martin Danneckers und Reimut Reiches „Der gewöhnliche Homosexuelle“ (1974), welche gleichfalls auch als Beispiel für die von uns geforderte empirisch-fundierte Wissensproduktion gelten kann.


Die Gegenwart operiert jedoch weitgehend ohne vergleichbar robuste empirische Grundlagen. Für lesbische Frauen sowie insbesondere für transgeschlechtliche Personen mangelt es an breitangelegter, methodisch sattelfester Expertise, die über projektförmige Momentaufnahmen hinausgeht.


Beispielsweise sollte die gestiegene Zahl gemeldeter Gewaltfälle gegen LGBTIQ-Menschen nicht darüber hinwegtäuschen, dass schwule Männer, lesbische Frauen, zumal im Hinblick auf die 2017 vom Bundestag beschlossene Ehe für alle, und auch trans Personen in einem Land wie dem unsrigen leben, in dem die rechtlichen und sozialen Bedingungen für sexuelle und geschlechtliche, besonders gleichgeschlechtliche Selbstbestimmung so günstig sind wie nie zuvor. Besonders für ältere Angehörige dieser Gruppen dürfte der erreichte Fortschritt im Alltag nach wie vor und unmittelbar erfahrbar sein. Gleichwohl wissen wir zu wenig über sie – die „gewöhnlichen Homosexuellen“, die „gewöhnlichen Queers“: Was erleb(t)en sie, was wünschen sie – konkret, alltagspraktisch? Beruflich, familiär, in den Öffentlichkeiten, in denen sie eine Rolle spielen (können, wollen)?


Die über die BMH organisierten Wissensbestände stehen in einem strukturellen Spannungsverhältnis: politisch gewollt, aber empirisch nicht ausreichend bestimmt. Bisweilen entsteht der Eindruck, dass hier weniger das Seiende erforscht als das Sollende, das Gewünschte formuliert wird, dass weniger das Vorfindliche erforscht als normative Zielvorstellungen formuliert werden. Eine Stiftung, die angetreten ist, Wissen zu sichern und zu erweitern, könnte so Gefahr laufen, schrittweise von einer Institution der Forschung zu einer Institution der interessengeleiteten Bestätigung zu werden.


Die eigentliche Frage ist daher möglicherweise nicht, ob die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld zu wenig fördert, sondern welche Formen von Wissen sie noch hervorbringen kann, wenn Förderung, Aktivismus und moralische Erwartungshorizonte zunehmend ineinander fallen. Eine Stiftung, die ursprünglich angetreten war, offene Wissensräume zu schaffen, riskiert, sich tendenziell auf jene Perspektiven zu verengen, die innerhalb des gegenwärtigen politischen und institutionellen Klimas als besonders legitim gelten. Die BMH sollte ihre Rolle kritisch reflektieren, um einer zunehmenden Ausrichtung als aktivistisches Verstärkungsorgan entgegenzuwirken.


Worauf es unserer Ansicht nach ankäme, wäre eine mehr als punktuelle Kooperation mit den etablierten Akteuren im Wissenschaftsbetrieb, mit den soziologie- und politikwissenschaftlichen Wissensinstitutionen. Zwar kann die BMH in budgetärer Hinsicht deren Arbeit nicht ersetzen, aber mit dem besonderen institutionellen Gewicht einer Bundesstiftung bestünde die Möglichkeit, dass etwa Max-Planck-Institute, die Leibniz Gesellschaft (GESIS, WZB) und weitere Institutionen gesellschaftswissenschaftlicher Exzellenz ihre Aufmerksamkeit jenen Fragen widmen, die einer fundierten, empirisch so sattelfesten wie nüchternen Antwort bedürfen: Was wollen Menschen in pluralen Gesellschaften in einer freiheitlichen Gesellschaft (noch)?

Textgrafik mit farbigem Hintergrund. Text:

Redaktioneller Hinweis: Jeder Beitrag der Reihe “Perspektiven. Für die BMH der Zukunft” repräsentiert die Meinung und Ansichten der_des jeweiligen Autorin_Autors bzw. ihrer Organisation.

Vorschau

Nächste Woche lesen Sie hier den eindringlichen Appell von Falko Droßmann, MdB und Mitglied des Kuratoriums der BMH für mehr Solidarität innerhalb der queeren Szene. In seinem Plädoyer veanschaulicht er eindrücklich, warum es von Vorteil für alle ist, wenn wir das Verbindende zwischen den vielfältigen queeren Gruppen und Menschen betonen. Dazu sieht Droßmann auch die Bundesstiftung in Zukunft gefordert. Seinen sehr lesenswerten Text gibt es hier online ab Do. 1. Oktober 2026, 9:00 Uhr.