Magnus Hirschfeld

Magnus Hirschfeld (* 14. Mai 1868 in Kolberg; † 14. Mai 1935 in Nizza), deutscher Arzt in Berlin, Sexualforscher und Empiriker, schwul, Sozialist, Jude, und Mitbegründer der weltweit ersten Homosexuellen-Bewegung (WhK).  Online-Dossier zum 80. Jahrestag der Plünderung des Instituts für Sexualwissenschaft am 6. Mai 1933.


„Ich […]darf wohl sagen, dass, wenn den Homosexuellen in Berlin jetzt ein so einzigartiges Restaurationsleben vergönnt ist, dies vor allem unserer aufklärenden Bewegung zu verdanken ist, ohne dass wir freilich für gewisse Auswüchse, die auch hier mit der Zeit Platz gegriffen haben, verantwortlich gemacht werden möchten.“

Bescheiden war er auf jeden Fall nicht, wenn es darum ging, die Auswirkungen seiner Arbeit zu beschreiben, wie in diesem Zitat aus einem Beitrag für die Berliner Schwulenzeitschrift „Die Freundschaft“ im Jahr 1922 ersichtlich. Magnus Hirschfeld hatte die Berliner Kriminalpolizei davon überzeugen können, dass Homosexualität kein „erworbenes Laster“ sondern „unausrottbar“ ist, und die Beamten daraufhin erkannt, dass es einfacher ist, die „Urninge“ unter Kontrolle zu behalten, wenn man ihnen Freiräume lässt. Insofern hatten er als Mediziner und anerkannter Experte in Fragen der Sexualität sowie seine politischen Mitstreiter im bereits 1897 gegründeten „Wissenschaftlich-humanitären Komitee“ (WhK) tatsächlich ihren Anteil an einer aufblühenden homosexuellen Subkultur. Die allerdings schnell wieder durch die Stiefel der Nationalsozialisten in Grund und Boden gestampft wurde.

Würde man Hirschfeld mit den heutigen Begrifflichkeiten einordnen wollen, so könnte man sagen, dass er ein schwuler Mann war, der voll und ganz hinter dem Konzept der Diversity – der Vielfalt – stand. Und der zumindest einen kleinen Grundstein zur heutigen Queer-Theory gelegt hat, laut der es neben dem biologischem Geschlecht Elemente gibt, die losgelöst von gesellschaftlichen Normierungen zu einer variantenreichen (sexuellen) Identität eines Menschen führen. Auch wenn sich der Mörtel für diesen Grundstein – eine rein medizinisch-biologistische Kategorisierung – als nicht lange tragbar erwies. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielten Hirschfelds Überlegungen keine große Rolle mehr in der Sexualwissenschaft.

Bis dahin wurde aber unermüdlich und mit Mitteln der Empirie an der Theorie der „sexuellen Zwischenstufen“ gebaut. Zwischen 1899 und 1923 verfassten Hirschfeld und seine Mitarbeiter dazu eine 20.000 Seiten umfassende Textsammlung. Die „Jahrbücher für sexuelle Zwischenstufen“ sollten zeigen: Zwischen dem „Vollmann“ und dem „Vollweib“ gibt es eine unendliche Anzahl an Abstufungen und Mischungen. Hermaphroditen, Transvestiten, Invertierte seien die naturnotwendige Verbindung zwischen den beiden Polen Mann und Frau. Der Homosexuelle stelle eine Art „drittes Geschlecht“ dar. Auch das von ihm 1919 eröffnete „Institut für Sexualwissenschaft“ sollte der Forschung einen festen Rahmen geben. Es wurde aber zugleich eine Beratungsstelle für Menschen, die Probleme mit ihrer Sexualität hatten und ein umfangreiches Archiv für sexualwissenschaftliche Literatur. Das Institut und seine Bestände sind allerdings am 6. Mai 1933 im Zuge der Bücherverbrennungen von den Nationalsozialisten vernichtet worden. Hirschfeld befand sich da bereits im Exil.

Neben dem Sexualwissenschaftler gab es auch den Sexualreformer Hirschfeld. Das WhK, am 15. Mai 1897 durch ihn und den Verleger Max Spohr, den Juristen Eduard Oberg sowie den Schriftsteller Franz Joseph von Bülow in Berlin gegründet, wollte eine Entkriminalisierung der Homosexualität erreichen. Die Aktivitäten des Whk waren eng verzahnt mit Hirschfelds medizinischem Wirken und später auch mit dem Institut für Sexualwissenschaft. Wichtigstes Ziel war die Abschaffung des Paragraphen 175 RStGB, der sexuelle Handlungen unter Männern bestrafte. Ein Jahr nach Gründung wird eine erste Petition zur Abschaffung des 175 eingereicht, allerdings erfolglos. 1922 sowie 1925 versucht es das WhK erneut. Und tatsächlich schaffte es ein Bündnis diverser Sexualreformer durch ihre Lobbyarbeit, dass der Reichstagsausschuss 1929 beschließt, den Sonderstrafrechtsparagraphen abzuschaffen. Doch dieser Antrag schafft es nicht mehr rechtzeitig in den Reichstag. Als die NSdAP an die Regierungsmacht kommt, landet er in der Versenkung.

Mit Hirschfeld besaß das WhK nicht nur einen prominenten Lobbyisten, sondern auch einen PR-Experten. Seine unermüdliche Produktion von Zeitungsartikeln, wissenschaftlichen Abhandlungen, Zeitschriften und Vorträgen sorgten für eine deutliche Präsenz auch außerhalb wissenschaftlicher Zirkel. Er erkannte auch die Wirkung eines damals noch neuen und modernen Mediums. Der von Richard Oswald produzierte Stummfilm „Anders als die Andern“ aus dem Jahr 1919 entstand unter Hirschfelds Mitwirkung. Das „Sozialhygienische Filmwerk“ war das erste, das sich offen mit Homosexualität befasste. Hirschfeld spielt sich darin selbst und hält vor Gericht ein leidenschaftliches Plädoyer gegen den Paragraphen 175. Der Film löste eine heftige Debatte in Politik und Medien aus, 1920 wurde er verboten. Bei den Homosexuellen, die ihn im Kino sehen konnten, löste er ähnliche Gefühle von Befreiung aus wie 1973 Rosa von Praunheims Agit-Doku „Nicht der Homosexuelle ist pervers…“

Mit der Zerstörung des Instituts für Sexualwissenschaft durch die Nazis endete auch die Karriere von „Tante Magnesia“, wie er in der Szene liebevoll tituliert wurde. Es begann ein Exil mit Stationen in Zürich und Ascona, in Paris und Nizza. Dort verstirbt er auch 1935, genau am Tag seines 67. Geburtstages.

Autor: Christian Scheuß/Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

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